Migrantenorganisationen: unverzichtbar, aber benachteiligt
Migrantenorganisationen haben sich zu festen Akteur*innen in der deutschen Wohlfahrtslandschaft entwickelt. Doch während die institutionelle Anerkennung wächst, fehlt weiterhin gleichberechtigte Teilhabe an Ressourcen und Entscheidungen in wohlfahrtsstaatliche Strukturen.
Unsere Ergebnisse aus den Projekten GEN-MIGRA (Geschlecht, Mobilität und Migration während und nach der COVID-19-Pandemie) und MIKOSS (Migrantenorganisationen und die Ko-Produktion sozialer Sicherung) zeigen: Migrant*innenorganisationen (MO) haben sich sowohl organisatorisch konsolidiert als auch ihre starke Verankerung in den Communities von Migrant*innen bewahrt. Viele von ihnen sind als Träger sozialer Dienste anerkannt und übernehmen wichtige Aufgaben in der sozialen Sicherung (Barglowski et al., i.E.; Bonfert et al. 2022; Halm et al. 2020).
Als eingetragene religiöse oder säkulare Vereine (Pries & Sezgin 2012) bieten sie vielfältige Unterstützungsangebote in den Bereichen Bildung, Arbeit, Familie und Jugendhilfe sowie psychosoziale Hilfen an. Darüber hinaus sind sie zunehmend in Kooperationen mit Behörden, Kommunen und Wohlfahrtsverbänden eingebunden, bauen eigene Dachstrukturen auf und vertreten ein plurales Verständnis von Zugehörigkeit (SVR-Forschungsbereich 2020). Damit tragen sie wesentlich zum Wohlbefinden breiter Bevölkerungsgruppen bei, bearbeiten soziale Problemlagen und leisten einen zentralen Beitrag zu gesellschaftlicher Teilhabe und sozialem Zusammenhalt.
Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, dass die MOs von marginalisierten Initiativen zu anerkannten Partner*innen in der Wohlfahrtslandschaft geworden sind. Unsere Interviews zeigen jedoch ein anhaltendes Spannungsfeld: Während die Kooperation mit MO wächst, bleiben strukturelle Ungleichheiten bestehen. Die Vorsitzende einer großen multikulturellen MO im Ruhrgebiet beschreibt dies im Gespräch im Rahmen des MIKOSS-Projekts so:
„Der Wunsch war schon so ein bisschen, eine Migrantenorganisation zu haben, die man an die Hand nehmen kann – die ist super. Aber eine Migrantenorganisation, die sagt: Moment mal, wir sitzen hier mit am Tisch, und zwar neben euch und nicht als Juniorpartner, ruft Abwehrmechanismen hervor. […]“
Das Zitat verweist auf die ungleiche Logik der Zusammenarbeit. MO werden von kommunalen Verwaltungen und etablierten Wohlfahrtsverbänden zwar anerkannt, jedoch vor allem als ausführende Akteur*innen und weniger als gleichberechtigte Mitgestalter*innen von Sozialpolitik.
Gleichzeitig haben sich viele MO von überwiegend ehrenamtlich getragenen Initiativen zu professionalisierten Trägern mit hauptamtlichem Personal und stabilen Angeboten entwickelt (Bonfert et al. 2022). Die meisten bearbeiten schon lange Themen, die nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund relevant sind. So geben 43 Prozent der Organisationen an, dass ihre Angebote auch von Menschen ohne Migrationshintergrund genutzt werden (SVR Forschungsbereich 2020). Neben Angeboten, die den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund fördern, verfolgen viele Organisationen das Ziel, alle Menschen unabhängig von ihrem Migrationsstatus anzusprechen.Ihre institutionelle Verankerung zeigt sich beispielsweise in der Mitgliedschaft in Wohlfahrtsverbänden wie dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und in der erfolgreichen Akquise von Fördermitteln. Sie sind damit nicht mehr nur projektbezogene Partner*innen, sondern zunehmend institutionell verankerte Akteur*innen der sozialen Sicherung.
Soziale Sicherung entsteht gemeinsam
Ein zentrales Ergebnis des MIKOSS-Projekts ist, dass soziale Sicherung im Zusammenspiel verschiedener Akteur*innen entsteht. Dazu gehören kommunale Verwaltungen, Jobcenter, Schulen, Wohlfahrtsverbände und Beratungsstellen ebenso wie zivilgesellschaftliche Initiativen, migrantische Netzwerke sowie informelle Unterstützungsstrukturen im familiären und nachbarschaftlichen Umfeld. MO sind Teil dieses Gefüges und übernehmen eine besondere Vermittlungsrolle, denn sie verbinden formelle Unterstützungsangebote mit gemeinschaftlicher und informeller Hilfe. Sie schaffen Orte der Beratung, des Austauschs und der sozialen Beziehungen. Soziale Problemlagen in den Bereichen Bildung, Arbeit, Gesundheit oder familiäre Belastungen können so ganzheitlich bearbeitet werden. Damit tragen MO dazu bei, Ungleichheiten abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen.
Care-Arbeit als (unsichtbare) Grundlage sozialer Sicherung
Ein wesentlicher Teil der Arbeit von MO besteht aus Beziehungs- und Sorgearbeit. Dazu gehören die langfristige Begleitung von Familien im Kontakt mit Behörden und Schulen, Unterstützung in Krisensituationen, die Vermittlung in Konflikten sowie die emotionale Stabilisierung nach belastenden Erfahrungen wie Flucht, Diskriminierung oder familiären Belastungen. Diese Formen emotionaler Unterstützung ermöglichen es vielen Menschen überhaupt erst, formale Hilfen in Anspruch zu nehmen. Unsere Forschung zeigt, dass Emotionen und Vertrauensbeziehungen eine zentrale Rolle dabei spielen, wie Menschen soziale Risiken bewältigen (vgl. Barglowski & Bonfert 2022).
Care-Arbeit ist kein ausschließliches Merkmal von MOs. Sie entstehen jedoch häufig aus konkreten Unterstützungsbedarfen migrantischer Gemeinschaften und bildet den Ausgangspunkt und die Legitimität ihrer Arbeit. Mit wachsender Professionalisierung stehen MO vor der Herausforderung, diese Unterstützungsformen trotz institutioneller Einbindung aufrechtzuerhalten. Im Unterschied zu stärker standardisierten und zeitlich begrenzten Angeboten etablierter Träger basiert ihre Sorgearbeit häufig auf langfristigen Beziehungen, geteilten Erfahrungen und Vertrauen. MO verbinden professionelle Unterstützung mit alltagsnaher, gemeinschaftlicher Hilfe und schließen damit Lücken zwischen institutionellen Angeboten und lebensweltlichen Bedarfen.
Obwohl Care-Arbeit als zentrale Grundlage sozialer Sicherung gilt, ist sie im Wohlfahrtssystem nach wie vor ungleich anerkannt und finanziell schwach abgebildet. Förderlogiken orientieren sich häufig an quantifizierbaren Leistungen, während kontinuierliche Begleitung, emotionale Unterstützung und Vertrauensarbeit strukturell abgewertet werden – obwohl gerade diese Leistungen zentral für die Wirksamkeit sozialer Unterstützung sind.
MO in Krisenzeiten – strukturelle Bedeutung sichtbar gemacht
Die Bedeutung von MO wurde besonders während der COVID-19-Pandemie deutlich. Migrantische Bevölkerungsgruppen waren überdurchschnittlich von den sozialen und ökonomischen Belastungen betroffen. Unsere Ergebnisse aus dem Projekt GEN-MIGRA zeigen, dass MO in dieser Situation zentrale Stabilisierungsfunktionen übernommen haben: Sie hielten Beratungsangebote vor, entwickelten neue Unterstützungsformate, - wie zum Beispiel Nachhilfe in Zeiten des Homeschoolings, vermittelten Informationen in verschiedenen Sprachen und boten psychosoziale Begleitung an (Luft & Barglowski 2023).
Ungleiche Anerkennung im Wohlfahrtssystem
Trotz ihrer zentralen Rolle sind MO weiterhin mit materiellen und epistemischen Ungleichheiten im Wohlfahrtssystem konfrontiert. Materiell äußert sich dies in unsicheren Projektfinanzierungen, kurzen Förderzeiträumen und hohem bürokratischem Aufwand (Hoesch 2023). Während etablierte Wohlfahrtsverbände strukturell gefördert werden, müssen MO ihre Arbeit regelmäßig neu absichern.
Auf der epistemischen Ebene zeigt sich die Ungleichheit darin, dass die Kompetenzen und das Wissen der MO in politischen Entscheidungsprozessen oft nur begrenzt berücksichtigt werden. In Wissenschaft und Praxis werden MO nach wie vor häufig vorwiegend im Kontext von Integrationspolitik thematisiert und weniger als Akteur*innen der Sozialpolitik und Wohlfahrtsproduktion Somit werden sie nicht als gleichwertige Expert*innen für soziale Sicherung anerkannt -- wie das eingangs zitierte Interview deutlich macht.
Wachsende Rolle braucht nachhaltige Förderung
MO sind institutionalisierte und multifunktionale Akteur*innen der sozialen Sicherung, die wesentlich zu sozialer Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen. Als zentrale Partner*innen einer ko-produzierten Sozialpolitik sind sie zunehmend an der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen beteiligt. Während ihre Bedeutung wächst, bestehen weiterhin Machtasymmetrien, fehlen Ressourcen und bleiben die Mitgestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.
Mit ihrem stärkeren Engagement droht staatliche Verantwortung schrittweise auf zivilgesellschaftliche Strukturen zu verlagern MO dürfen nicht als Ersatz für staatliche Sicherungssysteme verstanden werden. Eine weitere Verlagerung der sozialen Sicherung in ehrenamtliche, freiwillige und projektbasierte Arrangements birgt die Gefahr der Prekarisierung sozialer Dienstleistungen und der Reproduktion bestehender Ungleichheiten, zum Beispiel. ethnischer oder geschlechtsspezifischer Art. Wenn etwa Sprachmittlung, psychosoziale Begleitung oder Unterstützung beim Zugang zu Sozialleistungen dauerhaft von projektfinanzierten oder ehrenamtlichen Strukturen übernommen werden, verschiebt sich sozialstaatliche Verantwortung in den zivilgesellschaftlichen Bereich und der Zugang zu Unterstützung wird zunehmend vom lokalen Engagement statt von gesicherten Rechtsansprüchen abhängig
Es bedarf einer nachhaltigen strukturellen Anerkennung von MO, insbesondere durch langfristige Finanzierungsmodelle und die systematische Einbindung ihres Wissens in sozialpolitische Entscheidungsprozesse.
Literatur
Barglowski, K. / Bonfert, L. / Günzel, E. / Kellmer, A. / Wallmeyer, P. (Hg.) (i.E.): Migrant organizations and social protection. Shaping solidarity in changing societies. Palgrave Macmillan.
Bonfert, L. et al. (2022): Migrantenorganisationen und soziale Sicherung, IAQ-Report, No. 2022-10, Universität Duisburg-Essen, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Duisburg, https://doi.org/10.17185/duepublico/77027
Halm, D. / Sauer, M. / Naqshband, S. / Nowicka, M. (2020). Wohlfahrtspflegerische Leistungen von säkularen Migrantenorganisationen in Deutschland, unter Berücksichtigung der Leistungen für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Hoesch, K. (2024): Migrant Organisations on the Rise after 2015/2016? Between ‘Projectitis’ and the Formation of New Structures and Types. Social Sciences 13 (4): 223.
Luft, N. / Barglowski, K. (2023): The Impact of COVID-19 on Migrant Women in Germany. GEN MIGRA final report, https://www.genmigra.org/files/2025/03/Germany_Final-Briefing_Online.pdf.
Pries, L. / Sezgin, Z. (Hg.) (2012): Cross Border Migrant Organizations in Comparative Perspective. Springer.
SVR-Forschungsbereich (2020): Vielfältig engagiert – breit vernetzt – partiell eingebunden? Migrantenorganisationen als gestaltende Kraft in der Gesellschaft, Berlin.
Karolina Barglowski 2026, Migrantenorganisationen: unverzichtbar, aber benachteiligt, in: sozialpolitikblog, 12.03.2026, https://difis.org/blog/migrantenorganisationen-unverzichtbar-aber-benachteiligt-196 Zurück zur Übersicht

Karolina Barglowski ist Professorin für Soziologie und Sozialpolitik. Sie leitet das Institut für Sozialforschung und Intervention an der Universität Luxemburg. Sie forscht zu Migration, soziale Sicherung und Ungleichheiten in transnationalen Kontexten. Ihr aktuelles Forschungsprojekt untersucht intersektionale Ungleichheiten in der Lebendorganspende in grenzüberschreitenden Gesundheitssystemen.











