sozialpolitikblog
Porträtfoto von Franz-Xaver Kaufmann vor einer Bibliothek.
09.01.2024

Trauer um Franz-Xaver Kaufmann

Franz-Xaver Kaufmann war einer der Begründer der modernen Sozialpolitikforschung in Deutschland und hat diese von Beginn seines Wirkens an interdisziplinär verstanden und unter Nutzung der Vorgehensweisen und Wissensbestände etlicher Disziplinen betrieben. Am 7. Januar 2024 ist er im Alter von 91 Jahren in Bonn verstorben. 


Er selbst hatte in seinem Studium in den 1950er Jahren Vorlesungen und Seminare in der Rechtswissenschaft, in den Wirtschaftswissenschaften und der Soziologie besucht und schließlich in Wirtschaftswissenschaften promoviert. An der Universität Münster wurde er 1968 habilitiert und erhielt die venia legendi für Soziologie und Sozialpolitik. Für diese beiden Felder wurde er noch in demselben Jahr auf eine Professur an der in Gründung begiffenen Universität Bielefeld berufen. Dort förderte er sowohl die Anfänge der Gesundheitswissenschaft als auch die stärkere Verbindung von Sozialpolitik, Familiensoziologie und Bevölkerungswissenschaft.


Seine Zuwendung zu Fragen der sozialen Sicherung war immer bestimmt durch seinen Glauben und die Verwurzelung in der katholischen Soziallehre. Sozialethische und ideengeschichtliche Themen beschäftigten ihn von seiner ersten großen Monographie zum Begriff Sicherheit („Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem“) bis zur Arbeit „Sozialpolitisches Denken: Die deutsche Tradition“ und prägten viele weitere Studien, die in den Sammelbänden „Sozialstaat als Kultur“ und „Soziologie und Sozialethik“ zusammengeführt vorliegen. Den Blick von außen auf den deutschen Sozialstaat bearbeitete er in einer Verbindung von historischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Analyse in „Varianten des Wohlfahrtsstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich“.


Diese disziplinär weitgespannte Forschung ging einher mit einer Beförderung der Sozialpolitikforschung in allen relevanten wissenschaftspolitischen und institutionellen Kontexten. Nicht zuletzt ist auf Anregung von Franz-Xaver Kaufmann (und Stephan Leibfried) das Fördernetzwerk Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) entstanden, in dessen Rahmen auch das DIFIS wirkt.


Seine Forschungsprojekte in den 1970er und 1980er Jahren von „Verwaltung und Publikum“ über „Wirkungsanalysen der Sozialpolitik“ bis hin zu „Steuerung und Erfolgskontrolle im öffentlichen Sektor“ setzten Themen, die heute wieder höchst aktuell sind. All diese Aktivitäten gingen einher mit einem reflektierenden Blick auf die sozialen Hintergründe der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit, niedergelegt in „Zwischen Wissenschaft und Glauben. Persönliche Texte“.


Wir sind dankbar, einen derart kenntnisreichen, allen Disziplinen gegenüber offenen und immer den Kolleg*innen zugewandten Wissenschaftler im Feld der Sozialpolitikanalyse erlebt zu haben. Wir danken für die lange Zeit seines Wirkens und eine ganz außerordentliche Person. 


Für das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung


Prof. Dr. Ute Klammer und Prof. Dr. Frank Nullmeier


2024, Trauer um Franz-Xaver Kaufmann, in: sozialpolitikblog, 09.01.2024, https://difis.org/blog/?blog=94

Zurück zur Übersicht

Weitere Beiträge zum Thema

Bunte Spiel-Bauklötze in den Farben rot, orange, grün, rosa, hellblau und gelb. Darauf stehen jeweils Zahlen.
Julia Jirmann, 29.02.2024
Das Ringen um Kinderfreibetrag und Kindergeld
Finanzminister Christian Lindner plant noch in diesem Jahr, die Kinderfreibeträge zu erhöhen, ohne dabei das Kindergeld erneut anzupassen. Damit würden einseitig Eltern mit höheren Einkommen entlastet. Das steht jedoch Vereinbarungen des Koalitionsvertrags entgegen. Verfassungsrechtlich wäre auch eine andere Lösung möglich, die wird aber noch zu wenig diskutiert.
weiterlesen
Beine zweier Personen, eine erwachsen, eine im Kindesalter, mit Gummistiefeln bekleidet in einer Pfütze springend.
Christian Gräfe, 22.02.2024
Familienleben im Grundsicherungsbezug
Familien, die mit dem Existenzminimum leben, begegnen im Alltag vielen Zwängen und erleben kritische Lebensphasen. Eine qualitative Studie beleuchtet die Lebenswelten von Familien in der Mindestsicherung und deren Strategien, Armutslagen zu verarbeiten. Fachkräfte in Jobcentern beeinflussen die Lebenssituation von Familien und müssen sich auf die Lebensumstände der Familien einstellen.
weiterlesen
Porträtfoto von Gert G. Wagner
01.02.2024
Trauermeldung zum Tod von Gert G. Wagner
Mit Bestürzung haben wir die Nachricht vernommen, dass der langjährige Leiter des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ehemalige Vorsitzende des Sozialbeirats der Bundesregierung, Prof. Dr. Dr. h.c. Gert G. Wagner, plötzlich und unerwartet im Alter von 71 Jahren am 28. Januar 2024 verstorben ist.
weiterlesen
Foto aneinander gelegter Gürtel deren Schnallen nach unten zeigen; die Gürtel haben verschiedene Farben.
sozialpolitikblog-Gespräch 14.12.2023
„Wir müssen das gesellschaftliche Existenzminimum verteidigen“
Die geplante Erhöhung des Bürgergelds für 2024 kommt, darauf haben sich die Spitzen der Koalition geeinigt. Doch der Regelsatz liegt schon heute unter der existenzsichernden Grenze, sagt Prof. Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt. Das habe nicht nur für Bürgergeldbezieher*innen Folgen, sondern für alle.
weiterlesen
Zwei Hände umfassen sorgend die Hand einer anderen Person.
sozialpolitikblog-Gespräch 12.10.2023
„Die Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger ernst nehmen“
Wer Familienmitglieder oder Freund*innen pflegt, trägt hohe finanzielle und berufliche Kosten, sagt Dr. Ulrike Ehrlich vom Deutschen Zentrum für Alters­fragen. Im Interview mit sozialpolitikblog spricht sie über den Vereinbarkeits­konflikt zwischen Erwerbs­arbeit und Pflege und welche Maß­nahmen Pflegende in Zukunft unterstützen können.
weiterlesen
Titel des 63. Bands des Jahrbuchs für Christliche Sozialwissenschaften.
Frank Nullmeier, 31.08.2023
Sozialethik heute – aus katholischer Sicht
Wie kann man aus theologischer Perspektive begründet etwas über Sozialpolitik aussagen? Das 63. Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften widmet sich der Selbstreflektion, nimmt Grundsatzdebatten auf und überrascht mit einer Öffnung zum ökosozialen Denken. Prof. Dr. Frank Nullmeier hat es gelesen und rezensiert.
weiterlesen