Generationendialoge: Schlüssel für die Zukunft
Der Begriff der Generationengerechtigkeit wird häufig herangezogen, um finanzielle Belastungen, Reformbedarfe oder Zukunftsverantwortung zu begründen. Debatten entzünden sich beispielsweise daran, ob der Generationenvertrag und die ihm zugrunde liegende Solidarität unter den Bedingungen des demografischen Wandels dauerhaft tragfähig bleiben werden (Ragnitz et al. 2024).
In der öffentlichen Debatte wird Generationengerechtigkeit häufig auf finanzielle Nachhaltigkeit reduziert: auf Beitragssätze, Staatsverschuldung oder die langfristige Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Ebenso wird der Begriff eingesetzt, um politischen Handlungsdruck zu erzeugen oder die eigene Position normativ aufzuwerten. Formulierungen wie „Wer jetzt nicht reformiert, handelt auf Kosten unserer Kinder“, gehören inzwischen fast schon zum Standardrepertoire sozialpolitischer Auseinandersetzungen.
Durch solche Zuspitzungen und mediale Verkürzung werden gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und komplexe Themen jedoch allzu leicht polarisiert. Bemerkenswert ist dabei, dass ein allgemeiner Generationenkonflikt wissenschaftlich aktuell kaum belegbar ist (Hampel/Hurrelmann 2026).
Generationengerechtigkeit ist eine Frage von Beteiligung
Wir schlagen deshalb vor, Generationengerechtigkeit breiter zu verstehen. Sie ist nicht allein eine Frage gerechter Verteilung von Lasten, Ressourcen oder Chancen zwischen den Generationen, sondern ebenso eine Frage gerechter Beteiligung.
Hier zeigt sich jedoch eine zentrale Leerstelle: Obwohl Generationengerechtigkeit regelmäßig als Leitbild sozialpolitischer Reformen herangezogen wird, ist die jüngere Generation nur selten an den politischen Aushandlungen darüber beteiligt. Was normativ unter Generationengerechtigkeit zu verstehen ist, wird häufig für, aber deutlich seltener mit denjenigen entschieden, die die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen besonders stark betreffen. Gerade in einer alternden Gesellschaft gewinnt diese Perspektive an Bedeutung, weil jüngere Menschen zunehmend eine Minderheit darstellen und zugleich besonders stark von den langfristigen Folgen heutiger politischer Entscheidungen betroffen sind.
Wenn Generationengerechtigkeit tatsächlich eine „Voraussetzung demokratischen Vertrauens“ ist, wie Klaus Hurrelmann es in seiner Keynote zum Generationendialog 2026 ausdrückte, reicht es nicht aus, Lasten möglichst fair zu verteilen. Ebenso entscheidend ist, ob unterschiedliche Generationen die Möglichkeit haben, an der Aushandlung dieser Verteilung mitzuwirken. Generationengerechtigkeit setzt daher demokratische Räume voraus, in denen unterschiedliche generationelle Perspektiven sichtbar werden, miteinander ins Gespräch kommen und politische Entscheidungen mitgestalten können.
Generationendialoge als demokratische Infrastruktur
Ein Instrument einer generationenübergreifenden Beteiligung sind Generationendialoge. Wir verstehen sie nicht als bloße Gesprächs- oder Beteiligungsformate. Sie sind demokratische Instrumente, die unterschiedliche generationelle Perspektiven systematisch zusammenführen und damit einen Beitrag zu generationengerechten Entscheidungen leisten.
Perspektivisch sollten sie zu institutionell verankerten Beteiligungs- und Mitentscheidungsformaten weiterentwickelt werden, die politische Entscheidungsprozesse ergänzen und Impulse für eine stärkere Beteiligung insbesondere junger Menschen liefern.
Wenn Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder Vereine junge Menschen immer schwerer erreichen, muss Demokratie neue Zugänge zur Mitwirkung eröffnen, unterschiedliche Interessen sichtbar machen und gesellschaftliche Verständigung organisieren. Generationendialoge ersetzen bestehende demokratische Institutionen nicht, können diese aber sinnvoll ergänzen.
Was ist eine Generation?
Voraussetzung dafür ist allerdings ein breites Verständnis dessen, was eine „Generation“ überhaupt ist. Generation bezeichnet zum einen die Lebensphase und damit die Stellung eines Menschen im individuellen Lebenslauf – von der Kindheit und Jugend über das Erwachsenenalter bis hin zu Ruhestand und hohem Alter. Zweitens meint Generation Kohorten, also Menschen, die in einer ähnlichen historischen Zeit aufgewachsen sind und durch prägende gesellschaftliche, politische oder technologische Entwicklungen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Daraus können gemeinsame Werte, Sichtweisen und Haltungen entstehen (Mannheim 1928, Ziemann 2020).
Zugleich betreffen zeitgeschichtliche Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder die gegenwärtigen Transformationsprozesse zwar alle gegenwärtigen Generationen gleichzeitig, ihre Auswirkungen unterscheiden sich jedoch je nach Lebensphase, sozialer Lage und individuellen Handlungsmöglichkeiten.
Dies macht deutlich, warum sich Generationengerechtigkeit nicht auf einen schlichten Gegensatz zwischen Jung und Alt reduzieren lässt. Unterschiedliche Generationen unterscheiden sich nicht nur im Alter, sondern auch in ihren biografischen Erfahrungen, sozialen Lebenslagen und Zukunftserwartungen. Ihr Ziel ist nicht die Austragung eines vermeintlichen Generationenkonflikts, sondern die demokratische Verständigung über gemeinsame gesellschaftliche Zukunftsfragen.
Generationendialoge als bekanntes Instrument mit neuer Aktualität
Gesellschaftliche Diskurse über Generationengerechtigkeit gewannen bereits Ende der 1990er Jahre in Wissenschaft und Politik an Bedeutung (Dallinger 2005). Einen verfassungsrechtlichen Bezugspunkt bildete Artikel 20a GG, der seit 1994 den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auch in Verantwortung für künftige Generationen als Staatsziel festschreibt.
Breitere Aufmerksamkeit erhielt der Begriff Anfang der 2000er Jahre. Im Mittelpunkt standen damals vor allem die Folgen des demografischen Wandels und die Frage, wie die sozialen Sicherungssysteme langfristig finanziert und generationengerecht ausgestaltet werden können (Tremmel 2005, Dallinger 2005, Wissenschaftliche Dienste 2003). Generationendialoge wurden erstmals als Formate genutzt (Amrhein 2005). Relevante Akteure waren Bundes- und Landesministerien, das Deutsche Jugendinstitut, die 1997 gegründete Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, unterschiedliche Wissenschaftler wie Jörg Tremmel und Klaus Hurrelmann oder regionale Bildungsträger aus dem Bereich Jugend- und Erwachsenenbildung.
Wer sich damals mit diesen Fragen beschäftigt hat, dürfte derzeit ein gewisses Déjà-vu erleben. Viele Bereiche des Sozialstaats stehen erneut vor Reformen. Entsprechend erleben auch die Debatten über Generationengerechtigkeit eine Renaissance (Fuchs-Schündeln 2026, Laschinski/Hofäcker/Scherger 2026, Enste et al. 2026).
Neu ist dabei weder die Debatte selbst noch die Uneinigkeit darüber, was Generationengerechtigkeit konkret bedeutet. Eine neue politische Qualität erhält das Themenfeld dadurch, dass das BMFSFJ im Juli 2025 erstmals eine eigene Abteilung für Generationengerechtigkeit eingerichtet und die Europäische Union im Jahr 2026 eine Strategie zur Generationengerechtigkeit vorgelegt hat. Auch das Statistische Bundesamt schlägt unterschiedliche Indikatoren zur Quantifizierung des Begriffs vor, die sichtbar machen sollen, wie heutiges Handeln sich auf zukünftige Generationen auswirkt (Statistisches Bundesamt 2026a). Diese Ansätze sind allerdings weiter theoretisch und konzeptionell zu fundieren.
Generationengerechtigkeit ist eine politische und normative Aushandlungsfrage
Ob eine politische Entscheidung tatsächlich generationengerecht ist, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten. Denn je nachdem, woran man sie misst, ergeben sich unterschiedliche Antworten. Einerseits geht es um eine faire Verteilung von Lasten, Ressourcen und sozialer Sicherheit zwischen den Altersgruppen über Zeitverläufe hinweg, also um Verteilungsgerechtigkeit. Andererseits stellt sich aber die Frage danach, wer heute über Maßnahmen entscheidet, deren Folgen vor allem jüngere oder sogar zukünftige Generationen tragen. Dabei geht es um Verfahrensgerechtigkeit.
Generationengerechtigkeit ist deshalb nicht einfach eine Frage von Kennzahlen, sondern immer auch eine politische und normative Aushandlungsfrage (Urban 2020). Generationendialoge schaffen institutionelle Räume, in denen diese Aushandlung stattfinden kann.
Generationendialoge müssen mehr als symbolische Bedeutung haben
Die Erfahrungen der frühen 2000er Jahre haben wichtige Impulse gesetzt. Sie blieben aber häufig punktuell, projektbezogen und zeitlich begrenzt. Ihre Ergebnisse fanden nur selten dauerhaft Eingang in politische Entscheidungsprozesse.
Darin liegt eine zentrale Lehre für die Weiterentwicklung des Formats. Denn ihr Potenzial entfalten solche Dialoge nur dann, wenn sie über symbolische Beteiligung hinausgehen. Sollen sie einen nachhaltigen Beitrag zu einer generationengerechten Sozialpolitik leisten, müssen sie institutionell so verankert werden, dass die dort entwickelten Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse zurückwirken können.
Neue Generationendialoge wollen zu dauerhaftem Instrument werden
In den vergangenen Jahren hat das Format erneut an Bedeutung gewonnen und wird sowohl von regionalen Initiativen als auch von bundespolitischen Akteuren aufgegriffen. So organisiert beispielsweise die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. (BAGSO) regelmäßig Generationendialoge.
Auch die GVG und die Gesellschaft für Sozialen Fortschritt e.V. entwickeln seit 2024 gemeinsam mit verschiedenen Partner*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft (Allianz SE, Hans-Böckler-Stiftung und Stiftung der Deutschen Wirtschaft) Generationendialoge zur Zukunft des Sozialstaates. Ziel ist es, das vorhandene Potenzial des Formats zu nutzen und Generationendialoge von punktuellen Beteiligungsprojekten zu einem dauerhaft verankerten Instrument demokratischer Aushandlung weiterzuentwickeln.
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen und wachsender Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats gewinnt diese Aufgabe an Bedeutung. Wenn es gelingt, Generationendialoge dauerhaft in politische Entscheidungsprozesse einzubinden, werden sie zu weit mehr als einem Beteiligungsformat: Sie können einen Beitrag dazu leisten, Generationengerechtigkeit demokratisch zu gestalten.
Literatur und Quellen
Amrhein, V. / Schüler, B. (2005): Dialog der Generationen. Aus Politik und Zeitgeschichte 8/2005.
Dallinger, U. (2005): Generationen-Gerechtigkeit – die Wahrnehmung in der Bevölkerung. Aus Politik und Zeitgeschichte 8/2005.
Enste, D. / Müller, J. / Potthoff, J. / Unger, B. N. (2026): Gegenwart gestalten, Zukunft sichern: (Generationen-)Gerechtigkeit in Deutschland im internationalen Vergleich. Sozialer Fortschritt 1/2026.
Fuchs-Schündeln, N. (Hrsg.) (2026): Generationen – Lasten, Chancen, Linien. WZB-Mitteilungen 192. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).
Hampel, K. / Hurrelmann, K. (2026): Stehen wir vor einem Generationenkonflikt? Indikatoren für eine strukturelle Benachteiligung der jungen Generation. Sozialer Fortschritt (in Veröffentlichung).
Laschinski, M. / Hofäcker, D. / Scherger, S. (Hrsg.) (2026): Alter, Kohorten und Generationen in der Sozialpolitik. Perspektiven auf sozialpolitischen Wandel. Schriftenreihe des Deutschen Instituts für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS), Band 5. Frankfurt/New York: Campus.
Mannheim, K. (1928): Das Problem der Generationen. Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie 7 (2), S. 157–185, und 7 (3/4), S. 309–330.
Ragnitz, J. / Roßbach, G. / Börsch-Supan, A. / Hellwig, M. / Janeba, E. / Werding, M. / Seibold, A. / Roth, M. / Richter, A. / Schiller, J. / Engelmeier, M. / Dullien, S. / Piel, A. / Häner-Müller, M. (2024): Sackgasse Generationenvertrag: Wege aus der Krise der Altersversorgung. ifo Schnelldienst 77 (12), S. 3–39.
Statistisches Bundesamt (2026a): Indikatoren zur Generationengerechtigkeit. Wiesbaden: Destatis.
Tremmel, J. (2005): Generationen-Gerechtigkeit in der Verfassung. Aus Politik und Zeitgeschichte 8/2005.
Urban, H.-J. (2020): Generationengerechtigkeit. Grenzen und Potenziale eines sozialpolitischen Begriffs. Aus Politik und Zeitgeschichte 52–53/2020.
Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages (2003): Generationengerechtigkeit. Der Aktuelle Begriff. 06/2003. Berlin: Deutscher Bundestag.
Ziemann, B. (2020): Generationen im 20. Und 21. Jahrhundert. Zur Kritik eines problembeladenen Begriffs. Aus Politik und Zeitgeschichte 52–53/2020.
Niels Reith und Aysel Yollu-Tok 2026, Generationendialoge: Schlüssel für die Zukunft, in: sozialpolitikblog, 16.10.2026, https://difis.org/blog/generationendialoge-schluessel-fuer-die-zukunft-219 Zurück zur Übersicht

Niels Reith ist seit 2022 Geschäftsführer der GVG, die seit 79 Jahren zentrale Akteure des Sozialstaats vernetzt. Er studierte Politikwissenschaft in Marburg und Berlin. Mit verschiedenen Partnern hat er Generationendialoge zur Zukunft des Sozialstaats initiiert. Seit Juli 2026 ist die vom BMBFSFJ geförderte Kompetenz- und Netzwerkstelle Generationendialog (KUNG) bei der GVG angesiedelt.

Prof. Dr. Aysel Yollu-Tok ist Professorin an der HWR Berlin, Direktorin des Harriet-Taylor-Mill-Instituts und Vorsitzende der Gesellschaft für sozialen Fortschritt e. V., die zusammen mit der GVG u die Generationendialoge entwickelt. Sie studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaft sowie Soziologie in Erlangen-Nürnberg und promovierte 2009 in Volkswirtschaftslehre. Sie lehrte in Berlin, Hamburg und München.











