GETTSIM: Offenes Tool zur Analyse von Steuern und Transfers
Die Auswirkungen politischer Reformen auf Einkommen und Chancen sind zentral für sozialpolitische Debatten. Um Folgen von Steuer- und Transferpolitik verlässlich zu simulieren, brauchen Wissenschaft, Politik und Verbände geeignete Instrumente – hier setzt GETTSIM als quelloffenes, flexibles Simulationsmodell zur Berechnung von Steuern und Transfers an.
Die deutsche Sozialpolitik ist komplex: Einkommensteuer, Sozialversicherung, Kindergeld, Elterngeld, Bürgergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld, verschiedene Renten und viele weitere Leistungen greifen ineinander. Wer verstehen will, wie sich eine Reform auf unterschiedliche Haushalte auswirkt, braucht ein Modell, das diese Komplexität abbildet – und zwar nachvollziehbar und flexibel. Die allermeisten zur Zustandsanalyse wie Wirkungsprognose genutzten Modelle sind nicht frei zugänglich oder auf Teilaspekte beschränkt. Das erschwert nicht nur die Nachvollziehbarkeit, sondern auch die Beteiligung einer breiten Fachöffentlichkeit.
Offen, transparent, gemeinschaftlich
GETTSIM steht für den GErman Taxes and Transfers SIMulator. Das Projekt verfolgt einen konsequent offenen Ansatz: Der gesamte Quellcode ist frei verfügbar und kann von allen eingesehen, genutzt und weiterentwickelt werden. Damit wird die „Black Box“ vieler Simulationsmodelle geöffnet – jede Annahme, jede Berechnung ist transparent dokumentiert. Berechnungen mit GETTSIM sind stets reproduzierbar, da jede Änderung am Programm eine neue Version bekommt.
Die Entwicklung erfolgt gemeinschaftlich, getragen von Forschungsinstituten, Universitäten und einer wachsenden Community aus Praxis und Wissenschaft. Die Federführung lag bisher beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und wird an der Universität Bonn weitergeführt. Das Projekt wurde im Zeitraum von 2021 bis 2025 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, eine Anschlussfinanzierung ist in Vorbereitung.
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
GETTSIM kann für folgende Zwecke eingesetzt werden:
- Morgen-danach-Evaluation von Reformen: Wie wirken sich Änderungen beim Bürgergeld, beim Kindergeld oder bei der Einkommensteuer auf verschiedene Haushalte aus, wenn diese sich weiter so verhalten wie bisher?
- Verhaltensmodelle: In Verbindung mit ökonomischen Modellen lassen sich auch Arbeitsangebotsreaktionen oder andere Verhaltensanpassungen analysieren.
- Lehre und Weiterbildung: Die transparente Struktur eignet sich hervorragend, um Studierenden und Nachwuchskräften die Mechanik des Sozialstaats zu vermitteln.
Einfache Nutzbarkeit – auch ohne Programmierprofi zu sein
Ein zentrales Ziel von GETTSIM ist die niedrige Einstiegshürde. Die Software ist in Python geschrieben, einer Sprache, die sich durch ihre Lesbarkeit und Einfachheit auszeichnet. Ihre weite Verbreitung führt dazu, dass KI-Werkzeuge besonders hilfreich sind (Stichwort Vibe Coding). Wer ein grundlegendes Programmierverständnis mitbringt, kann mit GETTSIM daher eigene Analysen durchführen oder sogar neue Regelungen abbilden. Die Installation ist unkompliziert und die Dokumentation erleichtert den Einstieg.
Die Architektur: Wie funktioniert das Tool konkret?
Seit der im August 2025 veröffentlichten Version 1.0 von GETTSIM zeichnet es sich durch die klare Trennung zwischen zwei Ebenen aus:
TTSIM ist das technische Rückgrat. Hier werden die von den Nutzer*innen übergebenen Daten validiert, die notwendige Berechnungsreihenfolge der Steuer- und Transferelemente bestimmt, und die Berechnungen schließlich ausgeführt.
GETTSIM ist die fachliche Ebene. Hier werden die sozialpolitischen Regeln – also die Gesetze und Verordnungen – mittels Python-Funktionen abgebildet und in YAML-Dateien parametrisiert. Diese Funktionen sind so gestaltet, dass sie sich möglichst eng am Gesetzestext orientieren und mit überschaubaren Programmierkenntnissen verständlich sind.
Das nachfolgende Beispiel dient der Veranschaulichung dieser Zusammenhänge. Es zeigt exemplarisch, wie eine sozialpolitische Regel in GETTSIM definiert werden kann und mit TTSIM verknüpft ist. Das Beispiel richtet sich vor allem an Lesende, die grundsätzliches Interesse an der Nutzung von GETTSIM haben. Die Berechnung des Zahlbetrags für das Kindergeld eines Elternteils erfordert nur wenige Kriterien und sieht in GETTSIM so aus:
@policy_function(start_date="2023-01-01", leaf_name="betrag_m")
def betrag_ohne_staffelung_m(
anzahl_ansprüche: int,
satz: float,
) -> float:
"""Sum of Kindergeld for eligible children.
Kindergeld claim is the same for each child, i.e. increases
linearly with the number of children.
"""
return satz * anzahl_ansprüche
Beginnen wir mit der zweiten Zeile. Hier wird die Funktion zur Berechnung des Zahlbetrags definiert, wobei das _m am Ende des Namens anzeigt, dass es sich um eine monatliche Stromgröße handelt. Die Funktion benötigt die Argumente anzahl_ansprüche (int steht für „integer“, eine natürliche Zahl) und _satz (eine Fließkommazahl, „float“) und gibt wiederum eine Fließkommazahl zurück. Es folgt die Funktionsbeschreibung ("docstring" in Python-Terminologie). Die Funktion berechnet das Produkt der beiden Argumente und gibt es zurück.
Die erste Zeile ist gewöhnungsbedürftiger, wird jedoch im Gesamtkontext benötigt. @policy_function markiert die Funktion so, dass TTSIM sie beachtet, falls das Steuer- und Transfersystem für den 1. Januar 2023 oder ein späteres Datum erstellt wird – in unserem Beispiel fand im Kindergeld die Umstellung von Staffelung nach Kinderzahl auf lineare Berechnung statt. In dem durch alle verwendeten policy_functions definierten Steuer- und Transfersystem soll die Funktion unter dem Namen _beitrag_m auftauchen, sodass das Kindergeld unabhängig von der Berechnungsvorschrift immer denselben Namen trägt.
Dies ist die zentrale Funktion für das Kindergeld. Wenn das Ergebnis benötigt wird (z. B. bei der Berechnung des Unterhaltsbetrags oder der Berechnung des Mindesteinkommens beim Wohngeld), so kann dort einfach kindergeld_betrag_m als Argument verwendet werden, hierbei wird kindergeld__benötigt, da ein monatlicher Betrag (betrag_m) sich natürlich auf alle möglichen Programme beziehen könnte. Es gibt beispielsweise auch die Argumente wohngeld__betrag_m oder unterhaltsvorschuss__betrag_m. TTSIM kümmert sich darum, dass alles in der richtigen Reihenfolge berechnet wird.
Fachwissen im Mittelpunkt – Mitmachen erwünscht
Gerade für Forscher*innen, die sozialpolitisch versierter sind als im Schreiben von Programmcode, ist die Trennung von sozialpolitischen Regeln und technischem Rückgrat ein großer Vorteil: Wer die sozialpolitischen Regelungen kennt, kann sie in GETTSIM abbilden oder anpassen, ohne sich mit technischen Details beschäftigen zu müssen. Das fördert die fachliche Diskussion und ermöglicht es, Reformideen schnell und transparent zu simulieren. Die Community lebt davon, dass Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen ihr Wissen einbringen – sei es durch die Ergänzung neuer Leistungen, die Anpassung von Parametern oder das Testen alternativer Szenarien. GETTSIM ist deshalb ein Gemeinschaftsprojekt, getragen von denjenigen die es nutzen.
Ein Werkzeug für die sozialpolitische Praxis
Mit GETTSIM steht der sozialpolitischen Fachöffentlichkeit ein leistungsfähiges, transparentes und flexibles Instrument zur Verfügung, das die Analyse von Verteilungswirkungen auf eine neue Stufe hebt. Wer Reformen nachvollziehbar simulieren, diskutieren und weiterentwickeln möchte, findet in GETTSIM eine offene und zukunftsweisende Lösung.
Die Dokumentation (https://gettsim.readthedocs.io/en/stable/), der Quellcode (https://github.com/ttsim-dev/gettsim) und der Community-Chat (https://gettsim.zulipchat.com) sind offen zugänglich. GETTSIM bietet damit vielfältige Möglichkeiten, eigene Analysen durchzuführen und sich fachlich in eine wachsende Community zur sozialpolitischen Analyse einzubringen.
Hans-Martin von Gaudecker und Marvin Immesberger 2026, GETTSIM: Offenes Tool zur Analyse von Steuern und Transfers, in: sozialpolitikblog, 26.02.2026, https://difis.org/blog/gettsim-offenes-tool-zur-analyse-von-steuern-und-transfers-192 Zurück zur Übersicht

Prof. Dr. Hans-Martin von Gaudecker ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn. Er forscht zum Verhalten von Haushalten im Lebenszyklus, wobei häufig rechenintensive Methoden zum Einsatz kommen. Er trägt regelmäßig zu quelloffener Software bei. In den Jahren 2023-2024 leitete er die vom BMFSFJ beauftragte AG zur Quantifizierung der Kindergrundsicherung.

Marvin Immesberger ist Doktorand der Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn und Mitentwickler von GETTSIM. Seine Forschung konzentriert sich auf Arbeitsmarktökonomik und Alterssicherung, insbesondere unter Einsatz struktureller Lebenszyklusmodelle.

