Wohlfahrtsverbände als politische Akteure: Drei Empfehlungen
Wer vertritt die Interessen von Menschen in Armutslagen, wenn ihnen selbst Zeit, Geld oder politisches Gehör fehlen? Das Forschungsprojekt DemSoz hat untersucht, welche Rolle die Soziale Arbeit und Wohlfahrtsverbände als politische Akteure übernehmen können – und daraus drei konkrete Empfehlungen für die anwaltschaftliche Interessenvertretung abgeleitet.
Menschen in Armutslagen verfügen oft nur über begrenzte Ressourcen, um ihre Anliegen in politische Prozesse einzubringen. Umso wichtiger ist die Frage, wie ihre Interessen dennoch Eingang in politische Entscheidungen finden – und welche Rolle dabei die Soziale Arbeit als politische Akteurin spielt. Mit diesem Thema befasste sich das Verbundprojekt „Sozialstaatsreform von unten: Vertretung schwacher Interessen durch die Soziale Arbeit als Demokratisierung von Sozialpolitik?“ (DemSoz) im Zeitraum von 2021 bis 2025 an der Technischen Hochschule Köln und der Universität Duisburg-Essen.
Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welche Rolle die Soziale Arbeit auf unterschiedlichen Akteurs- und Steuerungsebenen sowie in verschiedenen Phasen des Politikprozesses bei der politischen Interessenvertretung von Menschen mit Armutserfahrungen einnimmt (Gräfe et al. 2026a). Einerseits wurden Handlungslogiken und -praktiken individueller Sozialarbeiter*innen beforscht, die in der Sozialberatung als Welfare Mediators zwischen Klient*innen und Sozialverwaltung systematisch Zugänge zu Sozialleistungen ebnen (Gräfe et al. 2026b) oder sich für direkte politische Einmischung in politische Ämter wählen lassen (Löffler 2024).
Andererseits richtete sich der Blick auf Wohlfahrtsverbände als kollektive Akteure der advokatorischen Interessenvertretung (Einhorn et al. 2026): Untersucht wurde ihr Einfluss auf den Armutsdiskurs während der Corona-Pandemie (Smith Ochoa 2025), ihre Strategien der Interessenaggregation (Schein 2026), ihre Kooperationsmöglichkeiten mit Selbstvertretungsinitiativen im Sinne von Power Sharing (Wenzler 2024) sowie ihr Einfluss auf lokale Politikgestaltung am Beispiel einer Fallstudie (Einhorn 2025).
Im Projekt wurde deutlich, dass die Wohlfahrtsverbände eine zentrale Rolle für die politische Einflussnahme Sozialer Arbeit auf (sozial-)politische Reformprozesse spielen. Diese Erkenntnis hat das Forschungsteam dazu veranlasst, am Ende des Forschungsprojekts die Ergebnisse gezielt in handlungspraktische Hinweise für die Verbände als anwaltschaftliche Interessenvertretung zu bündeln. Dies entsprach auch dem Wunsch zweier Vertreter von Wohlfahrtsverbänden, die das Projekt über die gesamte Laufzeit als Mitglieder des Projektbeirats begleitet haben. Das Ergebnis dieser Überlegungen haben wir in ein Policy Paper zusammengestellt, welches wir im Folgenden zusammenfassend skizzieren. Dabei stehen drei Handlungsbereiche im Zentrum:
Wohlfahrtsverbände als öffentlichkeitswirksame Akteure
Wohlfahrtsverbände können das Wissen und die Erfahrungen von Nutzer*innen und Fachkräften systematisch als Argumentationsgrundlage und politische Ressource nutzen. Als besonders wirkungsvoll zeigte sich eine Kommunikationsstrategie, die diese Perspektiven sichtbar macht, etwa durch eigene Datenerhebungen oder die direkte Einbindung von Fachkräften und Betroffenen in Gespräche mit Politiker*innen. So können Wohlfahrtsverbände an der Schnittstelle zwischen Politik, Praxis Sozialer Arbeit und Nutzer*innen wirken und politische Einflussmöglichkeiten eröffnen.
Die Kommunikation der Wohlfahrtsverbände sollte dabei armutssensibel sein. Armutsbetroffene Menschen sind vielfältig und sollten nicht auf Opferrollen reduziert werden. Stattdessen gilt es, ihre Handlungsfähigkeit, Ressourcen, vielfältigen Stärken und Leistungen hervorzuheben. Idealerweise kommen Betroffene selbst zu Wort, ohne dass sie ihre Notlage ausführlich rechtfertigen oder private Details offenlegen müssen.
Wohlfahrtsverbände als Arbeitgeber von Fachkräften Sozialer Arbeit
Wenn die Soziale Arbeit sich mit ihrer Fachkompetenz politisch einmischen soll, sollten Wohlfahrtsverbände Zeit und Ressourcen für politische Arbeit explizit in Stellenbeschreibungen von Sozialarbeiter*innen verankern. Politisches Engagement, Gremienarbeit, das Aufbereiten von Wissen sowie die Entwicklung von Stellungnahmen erfordern verlässliche Arbeitszeit und Ressourcen, insbesondere bei einer Beteiligung von Nutzer*innen. Nur so kann politisches Handeln Teil der professionellen Praxis aller Fachkräfte werden und nicht allein vom freiwilligen Engagement Einzelner abhängen.
Zudem ist eine Ent-Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse notwendig. Nachhaltiges politisches Engagement setzt stabile Arbeitsverhältnisse voraus, damit Kontakte zu Politik und Verwaltung langfristig aufgebaut und gepflegt werden können. Berufliche Stabilität stärkt zudem die Fähigkeit, politische Positionen strategisch zu entwickeln.
Wohlfahrtsverbände sollten Fachkräfte aus der Praxis stärker in politische Strategieprozesse einbinden und innerverbandliche Barrieren abbauen. Sozialarbeiter*innen sollten häufiger direkt an Arbeitskreisen und Fachgesprächen auf Landes- und Bundesebene teilnehmen können. Ergänzend sind regelmäßige Schulungen zur politischen Einmischung sinnvoll, etwa zu Kommunalpolitik oder dem Verfassen von Positionspapieren.
Wohlfahrtsverbände als Bündnispartner
Wohlfahrtsverbände sollten Hochschulen, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, Gewerkschaften und Berufsverbände Sozialer Arbeit stärker als Kooperationspartner wahrnehmen und einbeziehen. Diese Bündnisse können Mobilisierungs- und Legitimationspotenziale stärken und zur Aufwertung der Profession beitragen.
Darüber hinaus sollten Wohlfahrtsverbände Ressourcen für die Selbstorganisation von Betroffenen bereitstellen und deren Forderungen aktiv unterstützen. Power Sharing und eine institutionalisierte Beteiligung armutsbetroffener Menschen – etwa durch dauerhaft verankerte Beteiligungsstrukturen – sind zentrale Schritte zum Vertrauensaufbau.
Schließlich sollten Wohlfahrtsverbände Politiker*innen unterschiedlicher Ressorts stärker vernetzen, insbesondere auf kommunaler Ebene. Persönliche Kontakte und Fallbeispiele erhöhen die Wahrnehmung Sozialer Arbeit als politische Ressource. Dabei gilt es, über sozialpolitische Ressorts hinauszugehen und auch andere Bereiche wie Finanzen einzubeziehen.
Im Projekt DemSoz zeigte sich, wie vielfältig Wohlfahrtsverbände schon heute Strategien und Ansatzpunkte der politischen Interessenvertretung verfolgen. Spannungen entstehen vor allem durch die Konkurrenz von Wohlfahrtsverbänden als Dienstleister auf unterschiedlichen Märkten, die breite Bündnisse erschwert. Hinzu kommt die anspruchsvolle Verbindung von anwaltschaftlicher Interessenvertretung und Selbstvertretung, die voraussetzungsvoll und noch nicht selbstverständlich ist. Diese Spannungsfelder gilt es auch künftig weiter auszuloten und zu erforschen.
Zur Langfassung des Policy Papers geht es hier
Literatur
Einhorn, Laura (2025): Practices of resistance in social work: navigating power in a local social work programme in Germany, in: Critical and Radical Social Work, https://doi.org/10.1332/20498608Y2025D000000090
Einhorn, Laura / Leiber, Simone / Leitner, Sigrid / Schein, Corinna / Smith Ochoa, Christopher (2026): The importance of collective actors for social work policy practice: Lessons from the German case, in: British Journal of Social Work, im Erscheinen.
Gräfe, Christian / Leiber, Simone / Leitner, Sigrid / Löffler, Eva / Wenzler, Nils (2026a): Soziale Arbeit als politische Akteurin in der Armutspolitik, in: Holger Schoneville und Bettina Ritter (Hg.), Sozialpädagogische Armutsforschung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, im Erscheinen
Gräfe, Christian / Wenzler, Nils / Leiber, Simone (2026b): Social Work and the (In)accessibility of the Welfare State: Welfare Mediation Between Street-Level Bureaucracy, Clients’ Everyday Life, and Policy-Making, Zeitschriftenaufsatz im Peer-Reviewverfahren.
Löffler, Eva (2024): Social workers as politicians. A quantitative study on social workers holding elected office in Germany, in: European Journal of Social Work, DOI: 10.1080/13691457.2024.2316788
Schein, Corinna (2026): From social work practice to policymaking: Social policy problems and the flow of information within German welfare associations. In: European Journal of Social Work, S. 1–13. https://doi.org/10.1080/13691457.2025.2607707
Smith Ochoa, Christopher (2025): Powerful Representation of the Poor? German Welfare Associations’ Narrative Advocacy During COVID-19, in: Policy Studies Journal, https://doi.org/10.1111/psj.70012
Wenzler, Nils (2024): Demokratisierung, Selbstvertretungsorganisationen und Solidarität. Transformative Solidarität als politisch-strategische Praxis Sozialer Arbeit, in: Forum Sozial 3/2024, 26-29.
Simone Leiber und Sigrid Leitner 2026, Wohlfahrtsverbände als politische Akteure: Drei Empfehlungen, in: sozialpolitikblog, 29.01.2026, https://difis.org/blog/wohlfahrtsverbaende-als-politische-akteure-drei-empfehlungen-188 Zurück zur Übersicht

Prof. Dr. Simone Leiber ist Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen mit Schwerpunkt Vergleichende Wohlfahrtstaatsforschung, insbesondere Langzeitpflegepolitik, sowie Gründungsmitglied des Deutschen Instituts für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS).

Prof. Dr. Sigrid Leitner ist Professorin für Sozialpolitik an der Technischen Hochschule Köln und Direktorin der Abteilung Soziales und Gesundheit am Promotionskolleg NRW sowie Gründungsmitglied des DIFIS. Sie forscht und lehrt zum Thema politisches Handeln Sozialer Arbeit.






















