sozialpolitikblog
Pieter Vanhuysse, 17.11.2022

Können wir die ganze Welt impfen? Solide Grundlagen für eine bescheidene Hoffnung bei der Bekämpfung globaler Pandemien.

Da Pandemien nicht an Landesgrenzen Halt machen, könnten wohlhabendere Länder davon profitieren, wenn sie ärmeren Ländern bei der Bekämpfung helfen. Wenn beispielsweise eine neue Virusvariante (so wie die Delta- und Omicron-Varianten von COVID-19) in impfstoffarmen Ländern auftaucht, kann es manchmal im Interesse von impfstoffreichen Ländern sein, ihren Überschuss an Impfdosen zu spenden, anstatt ihn im eigenen Land zu lagern. Unter bestimmten Umständen könnten zeitnahe und großangelegte Impfstoffspenden von wohlhabenderen an ärmere Länder die Ausbreitung von neuen Varianten in impfstoffarmen Regionen verlangsamen oder sogar aufhalten und damit verhindern, dass die neue Variante die Grenzen der impfstoffreichen Länder erreicht und dort die Krankheit verbreitet.

Aber wann wäre das der Fall? Es besteht breiter Konsens darüber, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur neue Varianten bekannter Viren, sondern auch neue Infektionskrankheiten in den kommenden Jahren auftauchen und sich grenzüberschreitend ausbreiten werden.

Wieso sollten Impfstoffspenden von wohlhabenderen an ärmere Länder erfolgen?

Aus politischer Sicht ist die Frage komplex. Die Vorteile für impfstoffreiche Länder durch die Abgabe ihrer überschüssigen Bestände (insbesondere nach der vollständigen Impfung ihrer eigenen Bevölkerungen) hängen von vielen Faktoren gleichzeitig ab. Dazu gehören vor allem der Anteil der impfstoffarmen Regionen, die die impfstoffreichen Länder tatsächlich abdecken könnten, genauso wie das wahrscheinliche Auftreten neuer bedenklicher Varianten und die unvermeidbaren Kosten eines neuen Virusausbruchs, selbst wenn alle Überschussdosen gelagert und nicht abgegeben werden.

Politisch gesehen ist die Frage strategischer Natur: Da kein Land allein die ganzen impfstoffarmen Regionen abdecken kann, müssen die impfstoffreichen Länder zusammenarbeiten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass nationale Eigeninteressen das Denken von Entscheidungsträger*innen dominieren werden, genauso wie Impfnationalismus das Denken ihrer Wähler*innen bestimmen dürfte (Vanhuysse et al. 2021).

Folglich müssen wir uns mit zwei strategischen Fragen auseinandersetzen. Erstens die Frage der Optimalität: Welche Strategie für Impfstoffspenden – keine, teilweise oder vollständige – ist die beste Vorgehensweise für die impfstoffreichen Länder insgesamt? Zweitens die Frage der Stabilität: Wird jedes impfstoffreiche Land diese optimale Strategie tatsächlich bereitwillig übernehmen und beibehalten, anstatt auszusteigen oder untätig von den Bemühungen anderer Länder zu profitieren?

Um diese komplexen Fragen zu klären, haben Adam Lampert, Raanan Sulitzeanu-Kenan, Markus Tepe und ich ein spieltheoretisches Modell entwickelt, um die Strategien der rationalen Entscheidungsfindung der impfstoffreichen Länder zu analysieren und zu untersuchen, wie sie sowohl von den Strategien anderer wohlhabenderen Ländern als auch von Parametern wie globale Reichweite, neue bedenkliche Varianten und die unvermeidbaren Kosten eines neuen Virusausbruchs abhängen (Lampert et al. 2022). Um herauszufinden, ob die optimale Strategie für impfstoffreiche Länder tatsächlich tragfähig ist, haben wir zwei unterschiedliche Gleichgewichtskonzepte (das Nash-Gleichgewicht oder die Selbstregulierungs-vereinbarung) erforscht. Die Ergebnisse aus unserem ‘Rich-to-Poor Vaccine Donation Game’ liefern mindestens vier neue unerwartete Erkenntnisse, die auch für die Politik entscheidungsrelevant sein könnten.


Das ‘Rich-to-Poor Vaccine Donation Game’: 4 Lektionen für die Politik

  1. Ein einheitliches und gemeinsames Vorgehen ist wichtig. Die impfstoffreichen Länder müssen alle die gleiche Spendenstrategie übernehmen: Es gibt keine Szenarien, in denen es am besten wäre, wenn verschiedene Länder unterschiedlich vorgingen.
  2. Aufgrund des strategischen Charakters der Spende eigener Impfstoffe zur Erzielung eines öffentlichen Gutes (globale Gesundheit), wird die optimale Spendenstrategie eher greifen, wenn weniger als mehr impfstoffreiche Länder involviert sind. Impfstoffreiche Länder werden es dann viel leichter haben, die tatsächlichen Abgaben der anderen Länder zu überwachen und die gemeinsame Vereinbarung aufrechtzuerhalten.  
  3. Vor allem dann, wenn impfstoffreiche Länder gemeinsam einen Großteil der impfstoffarmen Regionen impfen können, ist es aus ihrer eigenen Perspektive am besten, alle überschüssigen Impfstoffe zu spenden anstatt sie zu lagern, unabhängig davon, wie wahrscheinlich es ist, dass zu einem späteren Zeitpunkt neue Virusvarianten auftreten. Und mehr noch: In den meisten Fällen wird diese optimale Strategie der Vollspende in der realen Welt stabil sein. Mit anderen Worten, falls die Produktion von Impfstoffen in ausreichendem Umfang möglich ist – eine technische, keine politische Frage – gibt es gute Gründe für die Annahme, dass eine weltweite Impfstoffabdeckung tatsächlich erreicht werden könnte.
  4. Auch in einem realistischeren Szenario, bei dem impfstoffreiche Länder diese umfangreiche Versorgung impfstoffarmer Regionen nicht erreichen können, ist die Spende eines Teils ihrer überschüssigen Impfdosen unter bestimmten Umständen immer noch die beste Herangehensweise, insbesondere wenn eine geringe Wahrscheinlichkeit der Entstehung neuer Varianten besteht. Diese optimale Lösung von Teilspenden ist jedoch weniger stabil, da jedes impfstoffreiche Land nun viel stärkere Anreize hat, aus solch einer Teilspenden-Koalition auszusteigen oder sich ihr nie anzuschließen.


Ein kleiner Rahmen für eine globale Win-Win-Pandemiekooperation

Unsere spieltheoretischen Ergebnisse sind allgemeiner Natur: Sie treffen prinzipiell auf die Bekämpfung jeder grenzüberschreitenden Pandemie in einer Welt zu, in der einige Länder über sehr viel mehr Ressourcen verfügen als andere. Als solche bieten sie solide Grundlagen für eine bescheidene Hoffnung auf eine globale Pandemie-kooperation, bei der alle gewinnen. Vor allem deutet unser Experiment mit seinen Variationen darauf hin, dass eine weltweite Impfung ein prinzipiell erreichbares Ziel ist, insbesondere dann, wenn relativ kleine Koalitionen impfstoffreicher Länder technisch eine hohe Impfstoffproduktionskapazität erreichen können.

Allgemein zeigt unsere Forschung, dass ein kleiner Raum von Bedingungen existiert, unter denen alleine das strikte Selbstinteresse ohne Rückgriff auf andere Motivationen wie ‘internationale Solidarität’ oder ‘Impfstoffdiplomatie’ dafür sorgt, dass impfstoffreiche Länder impfstoffarmen Ländern bei der Bekämpfung globaler Pandemien helfen werden. Wenn sich internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation auf diesen Bereich konzentrieren könnten, wären ihre Bemühungen zur Förderung von Koordinierung und Zusammenarbeit vielleicht erfolgreicher.



Literatur

Vanhuysse, P., Jankowski, M., Tepe, M. (2021). Vaccine alliance building blocks: a conjoint experiment on popular support for international COVID-19 cooperation formats. Policy Sciences 54, (3): 593-506. https://doi.org/10.1007/s11077-021-09435-1

Lampert, A., Sulitzeanu-Kenan, R., Vanhuysse, P., Tepe, M. (2022). A game theoretic approach identifies conditions that foster vaccine-rich to vaccine-poor country donation of surplus vaccines. Communications Medicine 2, 107. https://doi.org/10.1038/s43856-022-00173-w


Pieter Vanhuysse 2022, Können wir die ganze Welt impfen? Solide Grundlagen für eine bescheidene Hoffnung bei der Bekämpfung globaler Pandemien., in: sozialpolitikblog, 17.11.2022, https://difis.org/blog/?blog=37

Zurück zur Übersicht

Weitere Posts der Autorin