Angst als roter Faden: Langzeitarbeitslosigkeit verstehen
Warum fällt der Wiedereinstieg in Arbeit aus der Langzeitarbeitslosigkeit so schwer? Die Autor*innen einer aktuellen Studie haben diese Frage erforscht und sind auf unterschiedliche Lebensgeschichten gestoßen, deren gemeinsamer Nenner Ängste sind. Im Interview geben Sie Einblicke und erklären, was gegen Langzeitarbeitslosigkeit wirklich hilft.
Interview: Johanna Ritter
Trotz Fachkräftemangel Stellen treten Langzeitarbeitslose selten in den Arbeitsmarkt ein. Es herrscht im öffentlichen Diskurs ein Narrativ von sozialer Hängematte und Faulheit. Was haben Sie in Ihrer Studie darüber herausgefunden, warum Menschen schwer den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit finden?
Rebecca Lo Bello: Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Studie ist, dass die Grundsicherung ein Sammelbecken für alle möglichen Problemlagen, in die Menschen geraten können, ist. Es gibt eine Vielzahl von Ursachen für Arbeitslosigkeit. Psychische und physische Erkrankungen, Gewalterfahrungen in der Kindheit oder der Beziehung und das Gefühl einer generellen Orientierungslosigkeit sind Motive, die wir in unseren Interviews immer wieder gesehen haben. Viele haben uns auch geschildert, dass sie bereits in prekären Verhältnissen aufgewachsen sind.
Objektive und subjektive Gründe dafür, den Weg in die Arbeit nicht zu finden, überlappen sich. Das heißt, Menschen haben zum Beispiel einen niedrigen Bildungsgrad und sie haben ein Hemmnis verinnerlicht, zum Beispiel eine Angst vor Bildungsinstitutionen. In allen Interviews haben die Menschen Ängste geäußert. Langzeitarbeitslosigkeit entwickelt einen extremen Sogeffekt. Wer langzeitarbeitslos ist, hat zum Beispiel Ängste und ein niedriges Selbstwertgefühl, aber der Zustand der Langzeitarbeitslosigkeit verstärkt dies noch.
Wie erleben Betroffene diese Situation im Alltag? Welche Ängste prägen diesen Alltag?
Sonja Gaidusch: Darauf kann ich aus Betroffenenperspektive antworten. Ich habe zum Beispiel eine Erkrankung, die mir die Erwerbstätigkeit erschwert. Aber gleichzeitig frage ich mich, wenn ich einen neuen Job anfange auch immer: Wie krank wirke ich? Merkt man mir die Krankheit an? Muss ich die Krankheit im Bewerbungsprozess erwähnen? Das heißt, es kommen zu der Krankheit viele Gedanken und Sorgen, die verunsichernd sind. Ich erlebe auch existenzielle Ängste durch die Arbeitslosigkeit, zum Beispiel wenn ich in einer Arbeitsmaßnahme bin und ich sehe, dass diese bald endet.
Franz Schultheis: Wir haben Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen und Problemen interviewt. Die Angst zog sich wie ein roter Faden durch die Gespräche. Viele der Betroffenen, die wir befragt haben, bringen eine Grunddisposition Lebensangst mit, die durch konkrete Erfahrungen im Leben auch durchaus berechtigt ist. Aber hinzu kommt dann eben eine Erfahrung von Angst, die aus den geteilten Erfahrungen als Langzeitarbeitslose in dieser Trennung von der Normalität des Alltags der anderen Menschen, die arbeiten gehen, erzeugt wird. So geht Resilienz verloren.
Rebecca Lo Bello: Das führt zu Ambivalenz gegenüber dem Einstieg in die Arbeit: Einerseits möchten die Betroffenen zurück in die Arbeit, andererseits fällt das so schwer, dass sie sich so gut es geht in der Situation arrangieren. Das geschieht jedoch nicht aus Faulheit, sondern als eine Art Überlebensstrategie, in der die Angst der große Treiber ist.
Sie haben diese Erkenntnisse auch deswegen gewinnen können, weil sie einen besonderen Forschungsansatz gewählt haben. In Ihrer Studie waren Langzeitarbeitslose selbst als Co-Forschende beteiligt. Was ist der partizipative Forschungsansatz und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Franz Schultheis: Entscheidend für die Methode der partizipativen Forschung ist, dass Betroffene mit Betroffenen Interviews führen. Sie werden vorher geschult, aber es ist etwas ganz anderes als wenn eine Person aus der Forschung ein Interview mit Betroffenen führt, das wäre eine asymmetrische Gesprächssituation. Mit der Methode der partizipativen Forschung entsteht im Gespräch Augenhöhe und eine Offenheit, die es sonst nicht gibt. Es nimmt die Befürchtung, stigmatisiert zu werden ein Stück weit. Wir haben diese Methode, die auf Pierre Bourdieu zurückgeht, schon mehrfach mit der EFAS erprobt.
Sonja Gaidusch: Ich habe als Co-Forschende eine große Nähe in den Interviews empfunden. Manchmal sind es Biographien, die zur eigenen passen. Die größte Herausforderung dabei ist, eine Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden.
Rebecca Lo Bello: Diese Methode ist etwas Besonderes. Es geht ja nicht nur darum, authentische Ergebnisse zu produzieren, sondern es ist auch eine Form des ethischen Anspruches, Menschen von Objekten der Forschung zu Subjekten der Forschung zu machen, sodass sie auch als Experten in eigener Sache ihre eigene Situation darlegen können.
Welche Formen von Unterstützung und Begleitung haben sich als besonders wirksam erwiesen, um den Weg zurück in Arbeit zu erleichtern?
Rebecca Lo Bello: Besonders erfolgreich sind kombinierte Ansätze aus praktischer Erprobung und individueller Begleitung. Dazu zählen geförderte Beschäftigung gekoppelt mit professionell angeleitetem Selbstvermittlungscoaching, das auf Stärken statt Defizite fokussiert. Wichtig ist, Ängste zu thematisieren, Perspektiven aufzuzeigen und Vertrauen aufzubauen, sodass Betroffene ermutigt werden, aktiv auf Arbeitgeber zuzugehen. Auch wohlwollender Druck und eine intensive Sozialbetreuung, die als Schnittstelle zum Jobcenter fungiert, helfen, Hürden wie fehlende Diagnosen oder mangelnde Kommunikation zu überwinden. Solche Ansätze erreichen in NRW Vermittlungsquoten von bis zu 30 % selbst bei stark belasteten Langzeitarbeitslosen.
Sonja Gaidusch: Wichtig ist für eine intensive Begleitung durch jemanden, der wirklich für da ist und gleichzeitig mit dem Jobcenter spricht. So kann sichergestellt werden, dass die Mitarbeiter*innen wissen, welche Probleme oder Diagnosen es gibt, und besser unterstützen können – denn oft merken sie das gar nicht und ich brauche auch Zeit, um das zu erklären.
Welche Rolle spielen die Jobcenter im Prozess der Wiedereingliederung in Arbeit?
Rebecca Lo Bello: Jobcenter können entscheidend sein, um Brücken zu bauen, ihre Wirkung hängt aber stark von Haltung, Ausbildung und Ressourcen ab. Empathie, Verständnis für individuelle Problemlagen und der Aufbau von Vertrauensbeziehungen sind zentral, doch viele Mitarbeitende sind Verwaltungsfachkräfte ohne Sozialarbeits-Hintergrund. Kreative Ansätze wie Betriebsbesichtigungen, Schnuppertouren oder direkte Kooperationen mit Arbeitgeber:*innen zeigen Erfolg, bleiben jedoch heterogen und abhängig von Rahmenbedingungen und politischer Kommunikation.
Welche Rolle kommt den Arbeitgeber*innen zu?
Rebecca Lo Bello: Sie sind unverzichtbar für den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt, jedoch bestehen häufig Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen, die als Haupthindernis gelten. Gleichzeitig zeigen viele Arbeitgeber*innen Offenheit, insbesondere bei aktiv gesuchten Fachkräften. Erfolgreiche Strategien bestehen darin, Dialoge aufzubauen, Netzwerke zu nutzen und niedrigschwellige Kontakte wie Betriebsbesichtigungen zu ermöglichen, um Hemmnisse abzubauen und Integrationsmöglichkeiten zu eröffnen.
Franz Schultheis: Obwohl es über eine Million Langzeitarbeitslose und mehr als 500.000 offene Stellen gibt, finden Arbeitgeber*innen viele Bewerbende nicht passend – die Hauptbarriere ist oft das Vorurteil gegenüber Langzeitarbeitslosigkeit. Um diese Stigmatisierung zu verstehen und abzubauen, sind gezielte Gespräche mit Arbeitgeber*innen notwendig, um ihre Wahrnehmung und Erwartungen an Langzeitarbeitslose zu erfassen.
Sonja Gaidusch: Ich stimme dem Punkt zu, dass die Situation zwischen Langzeitarbeitslosen und Arbeitgeber*innen aufgrund von Vorurteilen heutzutage schwierig ist. Es müsste auch bei Arbeitgeber*innen dringend ein Bewusstseinswandel her und ein Absenken der immens hohen Ansprüche in manchen Bereichen. Aber, dass dies schwierig ist, aufgrund des hohen ökonomischen Drucks in der deutschen Wirtschaft, ist eben auch nachvollziehbar. Hinzu kommt die schwierige politische Weltlage, die diesen Druck noch erhöht.
Wie sehen Sie die aktuelle politische Lage im Hinblick auf Langzeitarbeitslosigkeit, und was wäre nötig, um Vermittlung zu verbessern?
Franz Schultheis: Die jetzige politische Lage stimmt eher pessimistisch. Es weht ein kalter Wind, und viele Verschärfungen lassen völlig die Empathie für die Betroffenen vermissen.
Mehr zum Thema im DIFIS Hot Topic „Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?“ Auf dem DIFIS Youtube Kanal finden Sie Aufzeichnungen der inhaltlichen Beiträge des Hot Topics.
Rebecca Lo Bello und Sonja Gaidusch und Franz Schultheis 2026, Angst als roter Faden: Langzeitarbeitslosigkeit verstehen, in: sozialpolitikblog, 02.04.2026, https://difis.org/blog/angst-als-roter-faden-langzeitarbeitslosigkeit-verstehen-194 Zurück zur Übersicht

Rebecca Lo Bello, M.A., leitet beim Evangelischen Fachverband für Arbeit und soziale Integration (EFAS) Projekte im Bereich Demokratieförderung und Langzeitarbeitslosigkeit. Sie studierte Soziologie in Rom und Wirtschafts- und Finanzsoziologie in Frankfurt a. M. Es folgten berufliche Stationen bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei Radio Vatikan und der IHK Region Stuttgart.

Sonja Gaidusch arbeitet seit 2020 als Demokratiebegleiterin beim Sozialunternehmen NEUE ARBEIT gGmbH. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte war sie freiberufliche Lehrerin. Nach einer Krankheitsdiagnose geriet sie in Arbeitslosigkeit. Heute moderiert sie Workshops der politischen Erwachsenenbildung und stärkt Demokratiebewusstsein in prekären Schichten.

Franz Schultheis ist Seniorprofessor für Soziologie an der Zeppelin Universität. Er promovierte an der Universität Konstanz, Habilitation an der École des hautes études en sciences sociales bei Pierre Bourdieu. Er lehrte und forschte außerdem an den Universitäten Montreal, Neuchâtel, Genf und St. Gallen. Von 2010 bis 2020 war er Vizepräsident des Schweizer Wissenschaftsrat. Er ist Gutachter des Schweizer Nationalfonds und Präsident der Stiftung Pierre Bourdieu.










