Getrennt und verbunden: Familienleben über Grenzen hinweg
Über das Familienleben unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter ist bisher nur wenig bekannt. Trotz physischer Distanz können familiäre Beziehungen wichtig für das Wohlbefinden und die psychosoziale Gesundheit sein. Franziska Seidel forscht zu transnationalen Familien und dazu, wie die Soziale Arbeit diese unterstützen kann.
Transnationales Familienleben ist Teil des Alltags vieler Menschen weltweit, auch von Menschen in Deutschland. Transnationale Familien leben über einen bestimmten Zeitraum oder den größten Teil ihrer Zeit getrennt voneinander leben, halten aber dennoch zusammen und schaffen ein Gefühl kollektiven Wohlergehens und von Familienzugehörigkeit – selbst über nationale Grenzen hinweg (Bryceson/Vuorela 2002). Der Kontakt wird dabei meist über Videoanrufe, Messengerdienste oder Telefonate aufrechterhalten.
Jede transnationale Familie ist einzigartig – so wie alle anderen Familien auch. In der internationalen Forschung liegt der Fokus auf transnationalen Familien mit migrierenden Elternteilen aufgrund von (Arbeitsmarkt-)migration. Zahlreichen Studie untersuchen bereits die psychosozialen Auswirkungen der elterlichen Migration auf die Kinder – den sogenannten „children left behind“ –, die oft bei den Großeltern oder anderen Verwandten in den Herkunftsländern zurückbleiben (Antia et al. 2020, Fellmeth et al. 2018). Doch auch Minderjährige verlassen ihre Familien und ihr Herkunftsland, oftmals weil dort Krieg oder Gewalt herrschen. Die Anzahl der sogenannten unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten wird weltweit auf etwa 153.000 geschätzt (UNHCR 2021-2026).
Auch in Deutschland lebt eine große Anzahl an Minderjährigen, die von ihren Eltern getrennt sind. Alleine im Jahr 2024 stellten rund 13.340 Minderjährige, die ohne Eltern oder Erziehungsberechtigte in Deutschland eingereist sind, einen ersten Antrag auf Asyl (Statista 2026). Zu den Fragen wie Kinder und Jugendliche die Trennung zu den Eltern erleben und wie diese transnationalen Familien von der Sozialen Arbeit unterstützt werden, gibt es bisher nur sehr wenige wissenschaftliche Erkenntnisse (Seidel et al. 2022). Mit diesem Thema habe ich mich in einem qualitativen Forschungsprojekt befasst.
Hierzu habe ich zwischen 2019 und 2022 semi-strukturierte Interviews mit zwölf unbegleiteten, jungen geflüchteten Menschen, 20 Fachkräften der Sozialen Arbeit sowie drei Expert*innen geführt. Die Datenerhebung und -auswertung erfolgte nach der konstruktivistischen Grounded Theory (Charmaz 2014).
Wie die Familie trotz Trennung eine Ressource sein kann
Die unfreiwillige Trennung von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern aufgrund von Krieg und der damit verbundenen Flucht ist ein zentraler Stressfaktor für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Die Sehnsucht nach den Eltern, Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern und die Sorge um sie spielt eine große Rolle im Leben dieser Kinder und Jugendlichen (u.a. Behrendt et al. 2021, Hosseini/Punzi 2022, Seidel 2025). Das trifft insbesondere dann zu, wenn die Familie im Ausland mit prekären Lebenslagen konfrontiert ist, Familienmitglieder krank werden, die politische Situation eskaliert, der Kontakt zur Familie nicht regelmäßig stattfinden kann oder Ungewissheit über den Aufenthaltsort von Familienmitgliedern herrscht.
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind oft mit weiteren Problemen und Herausforderungen konfrontiert, zum Beispiel mit Sorgen um den Aufenthaltsstatus, Sprachbarrieren oder Stigmatisierung.
Psychosoziale Probleme beeinflussen alle Bereiche des (sozialen) Lebens, darunter beispielsweise das Engagement in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, die (Nicht-) Beteiligung an kriminellen Aktivitäten und den „erfolgreichen“ Integrationsprozess im Allgemeinen. Daher und um langfristige psychosoziale Probleme zu minimieren, müssen traumatische und herausfordernde Situationen angemessen und rechtzeitig angegangen werden (Hebebrand et al. 2016, Leuzinger-Bohleber/Hettich 2018). Im Falle von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund von Flucht unfreiwillig über Ländergrenzen hinweg von ihrer Familie getrennt sind, muss mitgedacht werden, dass auch diese Trennungen einen Einfluss auf ihr alltägliches Leben und ihr psychosoziales Wohlbefinden haben. Die Familie verliert nicht einfach an Relevanz, nur weil deren Mitglieder in unterschiedlichen Ländern wohnen.
Der Alltag transnationaler Familien ist durch die physische Distanz beeinflusst. Gleichzeitig kann die Familie trotz räumlicher Trennung eine zentrale Ressource sein und Jugendliche in ihrem Alltag über Informations- und Kommunikationstechnologien unterstützen (u.a. Herz/Lalander 2021, Seidel 2025). Stabile Familienbeziehungen können dabei helfen, die psychosoziale Gesundheit zu erhalten, die es überhaupt erst ermöglicht, mit den Belastungen des Lebens umzugehen. Studien betonen dabei auch die Resilienz der Kinder und Jugendlichen. Um zu verstehen, wie einzelne Kinder und Jugendliche die physische Abwesenheit ihrer Eltern und/oder anderer Familienmitglieder erleben, ist allerdings eine differenzierte Betrachtung transnationaler Familienbeziehungen notwendig. Während regelmäßiger Kontakt zur Familie für manche eine wichtige Ressource ist und Familienmitglieder aktiv in Entscheidungsprozesse zur Lebensgestaltung, haben andere nicht den Wunsch oder die Möglichkeit, Kontakt zur Familie aufrechtzuerhalten oder haben ambivalente Gefühle diesbezüglich (Seidel 2026a).
Transnationale Elternarbeit: Noch kein Standard
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete werden von unterschiedlichen Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt und bekommen Hilfe in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens. Dazu zählen auch die Unterstützung bei psychosozialen Problemen, die Unterbringung und Versorgung und die Hilfe im Alltag. Ein zentrales Prinzip der Kinder- und Jugendhilfe ist – wenn es dem Kindeswohl entspricht – auch die Einbeziehung der Eltern in Interventionen. Auf diesem ein Grundsatz basieren der auf rechtlichen Regelungen und Prinzipien wie die Kinderrechtskonvention und das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Transnationale Elternarbeit – also die Einbeziehung von Eltern im Ausland – gehört jedoch noch nicht zum Standard sozialarbeiterischer Praxis (Seidel 2026b).
Allerdings gibt es durchaus auch Beispiele, bei denen Eltern im Ausland in Hilfeplanung oder sonstige Gespräche einbezogen werden (Kreß/Kutscher 2019, Schmitt 2021, Seidel 2026b). Doch dieses Angebot steht nicht allen Kindern und Jugendlichen zur Verfügung und ist oft vom Engagement einzelner Sozialarbeiter*innen oder den vorhandenen Ressourcen abhängig (Seidel 2025).
Die Hürden für transnationale Elternarbeit sind vielfältig (Schmitt 2021, Seidel 2026b): Manchmal fehlen die technischen Möglichkeiten, zum Beispiel ein Internetzugang in den Wohngruppen, manchmal die Ressourcen für Übersetzer*innen. In anderen Fällen sind die Eltern nicht erreichbar, Jugendliche möchten nicht, dass ihre Eltern kontaktiert werden oder den Sozialarbeiter*innen fehlt die Zeit. Konkrete Handlungsleitlinien, wie transnationale Elternarbeit im Sinne des Kindeswohls umgesetzt werden kann, gab es in keiner der an der Studie beteiligten Wohngruppen.
Gleichzeitig ist den meisten Fachkräften bewusst, dass die Eltern oder andere Familienmitglieder weiterhin eine sehr wichtige Rolle für die Jugendlichen in Deutschland spielen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit unterstützen die Kinder und Jugendlichen auf vielfältige Weise – sei es durch Trost und Ermutigung in Trauerprozessen, bei der Suche nach vermissten Familienmitgliedern oder auch bei der Organisation des Familienzusammenführungsprozesses.
Vor dem Hintergrund des rechtlichen und ethischen Auftrags der Kinder- und Jugendhilfe und den wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die Notwendigkeit deutlich, das Thema der transnationalen Familienbeziehungen von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in Forschung und Praxis weiter zu diskutieren. Hierbei ist es essenziell, die Verknüpfung zwischen der Lebenswelt der Jugendlichen in Deutschland, den transnationalen Beziehungen und dem psychosozialen Wohlbefinden zu sehen.
Das Bewusstsein der Fachkräfte über die Relevanz der Familienbeziehungen für minderjährige Geflüchtete und die Vielfalt transnationaler Familienbeziehungen muss gestärkt werden. Es braucht Konzepte und Methoden, die dem Wohl der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf die transnationalen Familienbeziehungen gerecht werden.
In Anbetracht der Tatsache, dass junge Menschen mit Fluchterfahrung Teil unserer Gesellschaft sind – ob als Schüler*innen, Studierende, (zukünftige) Arbeitskolleg*innen oder Freund*innen – sollte ihr psychosoziales Wohlbefinden eine große Rolle spielen. Dazu gehört auch, dass transnationale Familienbeziehungen anerkannt und unterstützt werden.
Literatur
Antia, K. / Boucsein, J. / Deckert, A. / Dambach, P. / Račaitė, J. / Šurkienė, G. / Jaenisch, T. / Horstick, O. /Winkler, V. (2020): Effects of International Labour Migration on the Mental Health and Well-Being of Left-Behind Children: A Systematic Literature Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 17(12), 4335. doi: 10.3390/ijerph17124335.
Behrendt, M. / Lietaert, I. / Derluyn, I. (2021): Continuity and Social Support: A Longitudinal Study of Unaccompanied Refugee Minors’ Care Networks. Journal of Immigrant & Refugee Studies, 20(3), 398–412. https://doi.org/10.1080/15562948.2021.1930322.
Bryceson, D. F. / Vuorela, U. (2002): The Transnational Family: New European Frontiers and Global Networks. Bloomsbury Academic.
Charmaz, K. (2014). Constructing grounded theory. SAGE
Fellmeth, G. / Rose-Clarke, K. / Zhao, C. /Busert, L. K. / Zheng, Y. / Massazza, A., Sonmez, H. / Eder, B. / Blewitt, A. / Lertgrai, W. / Orcutt, M. / Ricci, K. / Mohamed-Ahmed, O. / Burns, R. / Knipe, D. / Hargreaves, S. / Hesketh, T. / Opondo, C. /Devakumar, D. (2018): Health impacts of parental migration on left-behind children and adolescents: A systematic review and meta-analysis. Lancet (London, England), 392(10164), 2567–2582. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)32558-3
Hebebrand, J. / Anagnostopoulos, D. / Eliez, S. / Linse, H. / Pejovic-Milovancevic, M. / Klasen, H. (2016): A first assessment of the needs of young refugees arriving in Europe: What mental health professionals need to know. European Child & Adolescent Psychiatry, 25(1), 1–6. https://doi.org/10.1007/s00787-015-0807-0
Herz, M. / Lalander, P. (2021): Social Work, Young Migrants and the Act of Listening: Becoming an Unaccompanied Child. Routledge Advances in Social Work Ser. Taylor & Francis Group.
Hosseini, M. / Punzi, E. (2022): Integration from the perspective of young women who came to Sweden as unaccompanied asylum-seeking girls from Afghanistan. An interpretative phenomenological analysis. European Journal of Social Work, 25(2), 263–275. https://doi.org/10.1080/13691457.2021.1954888.
Kreß, L.‑M. / Kutscher, N. (2019): Digitale Elternarbeit in der Jugendhilfe mit Geflüchteten: Unsere Jugend, 71(2), 69–78. https://doi.org/10.2378/uj2019.art12d
Leuzinger-Bohleber, M., / Hettich, N. (2018): "Fremd bin ich eingezogen STEP-BY-STEP: Ein Pilotprojekt zur Unterstützung von Geflüchteten in einer Erstaufnahmeeinrichtung: ["I moved in as a stranger STEP-BY-STEP: A pilot project to support refugees in an initial reception center] (Originalausgabe). Therapie & Beratung. Psychosozial-Verlag.
Schmitt, C. (2021): Transnationale Elternarbeit. Pädagogische Arbeitsbeziehungen mit abwesenden Eltern geflüchteter Minderjähriger in der stationären Kinder- und Jugendhilfe: [Transnational Parent Work. Pedagogical working relationships with absent parents of refugee minors in residential child and youth services]. Zeitschrift Für Sozialpädagogik ZfSp(1), 24–50. https://doi.org/10.3262/ZFSP2101024
Seidel, F.A. /Hettich, N. / James, S. (2022): Transnational family life of displaced unaccompanied minors – A systematic review. Children and Youth Services Review, 142, 106649. https://doi.org/10.1016/j.childyouth.2022.106649
Seidel, F. A. (2025): 'Out of Sight (Not) Out of Mind'—A Qualitative Study on the Transnational Family Lives of Displaced Unaccompanied Minors and Social Work Perspectives in Germany. doi:10.17170/kobra-2025051411144
Seidel, F. A. (2026a): A typology on the diversity of transnational family relationships of unaccompanied minors in Germany: a constructivist grounded theory study. Children and Youth Services Review, 108749. https://doi.org/10.1016/j.childyouth.2026.108749
Seidel, F. A. (2026b): Transnational Social Work With Unaccompanied Minors' Parents Abroad: Findings From a Qualitative Study in Germany. Child & Family Social Work, 1–12, https://doi.org/10.1111/cfs.70167
Weitere Quellen
Statista (2026): Anzahl der unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber (UMA) in Deutschland von 2010 bis 2024.
UNHCR (2021-2026): Fleeing unaccompanied. Healing the Suffering of Children Who’ve Lost Everything.
Franziska Anna Seidel 2026, Getrennt und verbunden: Familienleben über Grenzen hinweg, in: sozialpolitikblog, 28.05.2026, https://difis.org/blog/getrennt-und-verbunden-familienleben-ueber-grenzen-hinweg-198 Zurück zur Übersicht

Dr. Franziska Anna Seidel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet „Theorien und Methoden der Sozialpädagogik” der Universität Kassel. Ihre Forschungsinteressen umfassen transnationale Familienbeziehungen, Kinder- und Jugendhilfe, Heimerziehung sowie Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Neben ihrer Forschungstätigkeit lehrt sie im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit.
Der Forschungsverbund für Sozialrecht und Sozialpolitik (FoSS) der Hochschule Fulda und der Universität Kassel existiert seit 2013. Wissenschaftler*innen der Rechts-, Politik- und Wirtschafts­wissenschaften, Soziologie, und Sozial­pädagogik bearbeiten in fünf Arbeits­gruppen aktuelle Fragen zu Diversität, Gesundheit, Kindheit und Familie, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und zur Sozial­gerichts­barkeit.
Unterstützt wird FoSS vom Verein zur Förderung von Forschung und Wissens­transfer in Sozial­recht und Sozialpolitik e.V. Ihm gehören Institutionen aus der Praxis in Nordhessen an.


























