Rente: Leistungsgerechtigkeit und sozialer Ausgleich
Mehr Gleichheit im Alter – aber auch eine Würdigung für höhere Beiträge: Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter wünschen sich beides. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Die Autor*innen erklären, warum das kein Widerspruch ist, und warum die Ergebnisse dafür sprechen, die Rentendebatte weniger als Konflikt zwischen Altersgruppen zu führen.
Über die Zukunft der gesetzlichen Rente wird intensiv gestritten. Meist geht es um die konkrete Gestaltung von Beitragssätzen, das Rentenniveau, das Renteneintrittsalter, Bundeszuschüsse und zusätzliche private Vorsorge. Durch die Empfehlungen der Rentenkommission hat diese Debatte noch einmal an Fahrt aufgenommen: Ende Juni 2026 hat die Kommission der Bundesregierung Vorschläge für eine nachhaltige und generationengerechte Ausgestaltung der Alterssicherung vorgelegt.
Umso wichtiger ist die Frage, an welche Gerechtigkeitsvorstellungen solche Reformen in der Bevölkerung anschließen können. Denn deutlich seltener wird diskutiert, was Menschen grundsätzlich von einer gerechten Alterssicherung erwarten.
Diese Frage ist nicht nebensächlich. Rentenreformen müssen finanzierbar sein, brauchen aber zugleich gesellschaftliche Akzeptanz, damit sie nicht nur technisch, sondern auch politisch funktionieren. Wir haben deshalb untersucht, wie Menschen in der zweiten Lebenshälfte ab 43 Jahren grundlegende Prinzipien der Alterssicherung bewerten (Simonson et al., 2026). Dazu haben wir die Daten des Deutschen Alterssurveys 2023 genutzt (n = 4.992), einer bundesweit repräsentativen Quer- und Längsschnittbefragung von Personen in der zweiten Lebenshälfte. Wir zeigen, wie Menschen im mittleren und späteren Erwerbsalter, im Übergang in den Ruhestand und im höheren Alter auf die Alterssicherung blicken.
Dabei stellt sich heraus: Viele Menschen wünschen sich mehr Gleichheit im Alter durch die gesetzliche Rente, wollen das Leistungsprinzip aber auch nicht aufgeben. So bewerten die Befragten auch das Äquivalenzprinzip überwiegend als gerecht: Wer mehr verdient und entsprechend höhere Beiträge zahlt, soll auch eine höhere Rente erhalten können (Abbildung 1). Eine klare Spaltung zwischen den betrachteten Altersgruppen ist dabei nicht erkennbar (Abbildung 2). Größere Unterschiede zeigen sich eher zwischen Menschen mit unterschiedlichen Einkommen (Abbildung 3).
Menschen wünschen sich mehr Gleichheit, ohne das Leistungsprinzip aufzugeben
Die gleichzeitige Zustimmung zu mehr Gleichheit und Leistungsgerechtigkeit wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Die Ergebnisse sprechen vielmehr dafür, dass viele Menschen zwei Erwartungen gleichzeitig an das Alterssicherungssystem herantragen: Es soll die richtige Balance aus sozialem Ausgleich und der Würdigung von individuellen Leistungen finden. Unterschiede bei den Beitragsleistungen sollen sich weiterhin entsprechend auszahlen. Gleichzeitig soll die gesetzliche Rente dazu beitragen, dass soziale Ungleichheiten im Alter abgemildert werden.
Dazu passt, dass die Vorstellung einer gesetzlichen Rente, die lediglich den Grundbedarf deckt, vergleichsweise wenig Zustimmung findet. Auch vorsorgepessimistische Einstellungen sind nur schwach ausgeprägt: die meisten Menschen in der zweiten Lebenshälfte halten es also weiterhin für sinnvoll, für das Alter vorzusorgen.
Abbildung 1: Einstellungen zur Alterssicherung insgesamt
Durchschnittliche Zustimmung auf einer Skala von 1 „lehne ganz ab“ bis 5 „stimme voll zu“. Quelle: Deutscher Alterssurvey 2023, gewichtet; Simonson et al., 2026.
Altersunterschiede – aber kein einfacher Generationenkonflikt
Rentenpolitik wird häufig als Interessenkonflikt zwischen den Generationen dargestellt. Menschen im mittleren Erwerbsalter erscheinen dabei vor allem als Beitragszahlende, die zukünftige Belastungen zu tragen haben, ältere Menschen als Verteidiger*innen bestehender Rentenansprüche. In den Einstellungen der Menschen in der zweiten Lebenshälfte findet sich diese klare Trennlinie jedoch nicht (Abbildung 2).
Beim Gleichheitsprinzip liegen die in unseren Analysen betrachteten Altersgruppen eng beieinander. Alle untersuchten Gruppen stimmen deutlich der Aussage zu, dass die staatliche Altersvorsorge zu mehr Gleichheit beitragen sollte. Auch bei der Bewertung des Äquivalenzprinzips unterscheiden sich jüngere und ältere Menschen in der zweiten Lebenshälfte kaum.
Deutlichere Unterschiede gibt es bei der Eigenverantwortung (im Mittel 3,2 auf der Antwortskala). Je jünger die hier betrachteten Altersgruppen, desto geringer fällt die Zustimmung hierzu aus. Ein Rentenmodell, das nur den Grundbedarf absichert, wird gerade von den jüngsten drei betrachteten Altersgruppen eher abgelehnt. Das passt nicht zu der verbreiteten Vorstellung, ältere Menschen erwarteten grundsätzlich mehr staatliche Absicherung, während jüngere stärker auf Eigenverantwortung setzten.
Altersunterschiede gibt es also durchaus. Sie ergeben aber keinen einheitlichen Gegensatz zwischen Personen im mittleren und späteren Erwachsenenalter. Und sie sprechen gegen das Bild älterer Menschen als einer homogenen Gruppe, die geschlossen für den möglichst umfassenden Erhalt bestehender Leistungen eintritt.
Abbildung 2: Einstellungen zur Alterssicherung nach Altersgruppen.png)
Durchschnittliche Zustimmung auf einer Skala von 1 „lehne ganz ab“ bis 5 „stimme voll zu“. Quelle: Deutscher Alterssurvey 2023, gewichtet; Simonson et al., 2026.
Die materielle Lage prägt die Einstellungen
Deutlicher als viele Altersunterschiede fallen die Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen aus. Armutsgefährdete Personen und Menschen mit mittleren Einkommen unterstützen das Gleichheitsprinzip stärker als Personen mit höheren Einkommen. Beim Äquivalenzprinzip verläuft das Muster umgekehrt: Mit dem Einkommen steigt auch die Zustimmung zu der Aussage, dass höhere Einkommen zu höheren Renten führen dürfen.
Auch der Blick auf die eigene Vorsorge hängt mit der materiellen Lage zusammen. Armutsgefährdete Personen äußern häufiger Zweifel daran, dass sich Vorsorge überhaupt lohnt. Wie Menschen das Rentensystem bewerten, hängt also offenbar auch davon ab, welche finanziellen Spielräume sie selbst haben und welche Ansprüche sie im Alter erwarten können.
Einstellungen zur Alterssicherung sind nicht nur Ausdruck abstrakter Gerechtigkeitsvorstellungen. Sie spiegeln potenziell auch konkrete Erwerbsverläufe und Vorsorgemöglichkeiten wider. Die DZA-Ergebnisse sprechen deshalb dafür, die Rentendebatte weniger als Konflikt zwischen Altersgruppen und stärker als Frage sozialer Ungleichheit im Lebensverlauf zu führen.
Abbildung 3: Einstellungen zur Alterssicherung nach Einkommensgruppen.png)
Durchschnittliche Zustimmung auf einer Skala von 1 „lehne ganz ab“ bis 5 „stimme voll zu“. Armutsgefährdet: weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens; mittleres Einkommen: 60 bis 150 Prozent; höheres Einkommen: mehr als 150 Prozent. Quelle: Deutscher Alterssurvey 2023, gewichtet; Simonson et al., 2026.
Was folgt daraus für Rentenreformen?
Die hohe Zustimmung zum Gleichheitsprinzip spricht dafür, dass viele Menschen sich für einen stärkeren durch die Rentenversicherung vermittelten sozialen Ausgleich aussprechen. In der aktuellen Reformdebatte entspricht das etwa dem – nicht in den Empfehlungen der Rentenkommission berücksichtigten – Vorschlag, zusätzliche Rentenansprüche bei höheren Einkommen nur noch unterproportional anwachsen zu lassen (Fratzscher 2023).
Dabei darf das Äquivalenzprinzip nicht übergangen werden. Auch die Erwartung, dass höhere Beiträge zu höheren Renten führen, findet breite Zustimmung. Mehr Umverteilung dürfte deshalb vor allem dann akzeptiert werden, wenn der Zusammenhang zwischen Beiträgen und Ansprüchen erkennbar bleibt.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Empfehlungen der Rentenkommission ist das relevant. Ob es um Beitragssätze, Rentenniveau, längere Erwerbsphasen, Bundeszuschüsse oder zusätzliche private und betriebliche Vorsorge geht: Reformen müssen nicht nur fiskalisch überzeugen. Sie müssen auch plausibel machen, wie sie Beitragsleistung anerkennen und zugleich soziale Ungleichheiten im Alter begrenzen.
Wenig spricht hingegen dafür, die Rentendebatte vor allem als Nullsummenspiel zwischen unterschiedlichen Altersgruppen in der Bevölkerung zu führen. Die Einstellungen zu Gleichheit und Äquivalenz unterscheiden sich bei den betrachteten Altersgruppen kaum. Deutlicher fallen die Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen aus. Entscheidend ist offenbar weniger das Alter allein als die materielle Lage und die Frage, welche Möglichkeiten Menschen im Laufe ihres Lebens hatten oder haben, Rentenansprüche aufzubauen oder zusätzlich vorzusorgen.
Damit rückt eine andere Konfliktlinie in den Mittelpunkt. Ungleiche Alterseinkommen entstehen nicht erst beim Renteneintritt. Sie sind das Ergebnis unterschiedlicher Löhne, von Teilzeit, Arbeitslosigkeit, Sorgearbeit, gesundheitlichen Einschränkungen und ungleichen Möglichkeiten privater Vorsorge. Vor diesem Hintergrund kann eine strikte Beitragsäquivalenz auch verteilungspolitisch problematisch sein, weil Personen mit höherem Einkommen im Durchschnitt länger leben und dadurch länger Renten beziehen (Haan et al. 2020).
Zur Einordnung der Altersunterschiede lassen sich unterschiedliche Hypothesen heranziehen. Aus einer interessenorientierten Perspektive könnte man erwarten, dass Menschen im Erwerbsalter besonders sensibel darauf reagieren, ob sich ihre bisherigen und künftigen Beiträge später in Rentenansprüchen niederschlagen. In den Daten zeigen sich beim Gleichheits- und beim Äquivalenzprinzip jedoch nur geringe Unterschiede zwischen Personen im späteren Erwerbsalter und Personen, die sich bereits im Rentenalter befinden. Stärker scheint die eigene materielle Lage mit den Einstellungen zusammenzuhängen: Personen mit höheren Einkommen befürworten das Äquivalenzprinzip deutlicher und stimmen dem Gleichheitsprinzip weniger stark zu.
Eine weitere Erklärungsperspektive verweist auf wohlfahrtsstaatliche Sozialisation. Ältere Jahrgänge wurden stärker in einer Zeit geprägt, in der die gesetzliche Rentenversicherung als zentrale Säule der Alterssicherung galt. Jüngere Jahrgänge sind dagegen stärker mit dem Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge aufgewachsen. Auch hier ist der Befund jedoch nicht eindeutig: Gerade die älteren Befragten stimmen dem Prinzip der Eigenverantwortung stärker zu. Dies könnte darauf hindeuten, dass Einstellungen zur Alterssicherung nicht allein durch sozialpolitische Leitbilder geprägt werden, sondern auch durch biografische Rückblicke und eigene Erfahrungen mit der Altersvorsorge.
Für die Reformdebatte lassen sich unsere Befunde so deuten: Die gesetzliche Rente sollte weiterhin Leistung anerkennen. Sie soll aber auch verhindern, dass sich ungleiche Erwerbs- und Lebensverläufe im Alter unverändert fortschreiben. Aus Sicht der Menschen in der zweiten Lebenshälfte besteht der Anspruch, dass beides miteinander vereinbar sein sollte.
Literatur
Fratzscher, M. (2023, 30. Januar): Alterssicherung sollte sich von der Beitragsäquivalenz verabschieden. DIW Berlin.
Haan, P. / Kemptner, D. / Lüthen, H. (2020): The rising longevity gap by lifetime earnings: Distributional implications for the pension system. The Journal of the Economics of Ageing, 17, Article 100199. https://doi.org/10.1016/j.jeoa.2019.100199
Simonson, J. / Platt, O. / Weinhardt, M. (2026): Einstellungen zur Alterssicherung in der zweiten Lebenshälfte: Hohe Zustimmung zu Gleichheit und Äquivalenzprinzip. DZA Aktuell [02/2026] Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen. https://doi.org/10.60922/f4gt-q477
Michael Weinhardt und Oliver Platt und Julia Simonson 2026, Rente: Leistungsgerechtigkeit und sozialer Ausgleich, in: sozialpolitikblog, 09.07.2026, https://difis.org/blog/rente-leistungsgerechtigkeit-und-sozialer-ausgleich-209 Zurück zur Übersicht

Dr. Michael Weinhardt ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). In seiner Forschung beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Einstellungen und Teilhabe im Zusammenspiel mit sozialstrukturellem Merkmalen sowie sozialen Ungleichheiten im Alter sowie Methoden der Sozialforschung.

Oliver Platt ist Sozialwissenschaftler, studiert den Master „Research Training Program in Social Sciences“ an der HU Berlin und ist studentischer Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Seine Interessen liegen im Bereich der Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat, Sozialstruktur und politischer Psychologie im Lebensverlauf und fortgeschrittenen Strukturgleichungsmodellen.

Dr. Julia Simonson ist kommissarische Leiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Sie hat den Deutschen Freiwilligensurvey und den Deutschen Alterssurvey geleitet. Ihre Forschungsschwerpunkte sind soziale Ungleichheit, Freiwilliges Engagement und Partizipation, Erwerbsverläufe und Alterssicherung und Methoden der empirischen Sozialforschung.




























