sozialpolitikblog
Transparente Schaufensterpuppen stehen vor einer weißen Wand.
Christopher Wimmer, 17.06.2026

Sozial marginalisiert: Überall und unsichtbar

13,3 Millionen Menschen leben in Deutschland in Armut, schreibt der Paritätische Gesamtverband in seinem gerade erschienenen Armutsbericht. Die Armutsquote stieg auf 16,1 Prozent und erreicht damit einen neuen Höchststand. Was Armut im Alltag bedeutet, wie es sich auf die gesellschaftliche und politische Teilhabe auswirkt und warum es ein anderes Politikverständnis braucht, um das zu ändern, beschreibt Christopher Wimmer.

Zweifellos sind Überblicksdaten zur Armut wichtig. Doch birgt ein alleiniger Blick auf die Statistiken die Gefahr, die konkreten Erfahrungen, die sich dahinter verbergen, zu verkennen. Deswegen habe ich mich für die Bücher „Die Marginalisierten“ und „Leben ganz unten“ direkt mit betroffenen Menschen über ihre Lebensgeschichten und ihre konkreten Erfahrungen mit Armut unterhalten. (Wimmer 2023, 2025). Dabei wurde deutlich: Armut und soziale Ausgrenzung – ich spreche von sozialer Marginalisierung – haben viele Gesichter. Marginalisierung zeigt sich auf dem Kontoauszug, aber ebenso in unscheinbaren Alltagspraktiken: im Einkauf beim Billig-Discounter, im Gang zur Tafel, in der Notwendigkeit, Secondhand-Kleidung zu tragen. Manchmal tritt sie offenkundig zutage, etwa wenn Menschen ohne Obdach auf der Straße leben müssen.

Selbstwahrnehmung: ganz unten – ganz draußen

Doch Marginalisierung erschöpft sich nicht in äußeren Umständen. Sie prägt auch Haltungen, Selbstbilder und Erwartungen. Scham gehört fast immer dazu, ebenso Angst. Viele versuchen, ihre Lage zu verbergen, ziehen sich zurück, vereinsamen. Andere können das Verbergen nicht mehr aufrechterhalten. Besonders wohnungs- und obdachlose Menschen haben kaum Rückzugsmöglichkeiten; ihre soziale Position wird dann zu einem für alle sichtbaren Stigma.

Besonders auffällig ist die Selbstwahrnehmung meiner Gesprächspartner*innen. So beschreiben sich die von mir Befragten meist schnell und eindeutig als „ganz unten“ oder „ganz draußen“.  Das macht deutlich, wie stark und intensiv die Menschen Marginalisierung erfahren. Und es steht ihm Gegensatz zu bisheriger Forschung, der zufolge sich arme oder erwerbslose Menschen selbst meist sozial höher verorten und teilweise sogar zur gesellschaftlichen „Mitte“ zählen, um sich vor (moralischen) Schuldzuweisungen zu schützen, wie etwa Andreas Hirseland (2016) und Marliese Weismann (2016) beschreiben.

Sozial marginalisierte Menschen erleben die Gesellschaft als gespalten

Zugleich stellen meine Gesprächspartner*innen die Gesellschaft fast durchgängig als tief gespalten dar: oben eine reiche, verfügende Minderheit, unten die vielen, die am Existenzminimum leben. Die Metapher der auseinandergehenden Schere taucht in den Gesprächen immer wieder auf. Sie benennen damit nicht nur Ungleichheit, sondern nehmen eine tiefe Trennung zwischen Lebenswelten wahr, die immer weniger miteinander zu tun haben.

Das Entscheidende daran unter marginalisierten Bedingungen ist, dass die Befragten diese Spaltung nicht abstrakt, sondern konkret in ihrem Alltag erfahren. Sie kann Hunger, Hygieneprobleme, fehlende Kleidung und das tagtägliche Überleben auf der Straße bedeuten. Angst, Enttäuschung und Scham schreiben sich in den Körper ein, werden verinnerlicht und zur „zweiten Natur“, wie Pierre Bourdieu (1976: S. 171) schreibt, bis sie Denken und Handeln bestimmen. Marginalisierung ist damit nicht nur ein statistisch messbares Phänomen, sondern bestimmt Tagesabläufe und Zukunftserwartungen.

Armut erzeugt wenig Protest

Gerade daraus ergibt sich ein wichtiger Befund: Armut erzeugt nicht automatisch Protest. Auch wenn die Befragten Ungleichheiten deutlich wahrnehmen, folgt daraus nicht zwangsläufig kollektive Organisierung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Viele leben vereinzelt, verfügen über wenig soziale Kontakte und haben kaum Erfahrungen mit gemeinsamer politischer Praxis. Hinzu kommt ein ambivalentes Bewusstsein: Sie erkennen zwar ihre gesellschaftliche Lage, erleben diese aber zugleich als kaum veränderbar. Das Wissen um die Verhältnisse reicht nicht aus, wenn die subjektive Bearbeitung dieser Verhältnisse von Erschöpfung, Unsicherheit und der Angst vor dem nächsten Rückschlag geprägt ist.

Hinzu kommt ein ebenso zentraler Punkt: Offenkundig ist der Diskurs um „Aktivierung“ und „Eigenverantwortung“, wie Kai Marquardsen (2012) beschreibt, auch bei den Befragten höchst wirkmächtig. Viele der Befragten betonen ihre Bereitschaft zu arbeiten, ihren Willen, „anständig“ zu sein, und distanzieren sich ausdrücklich von der Figur der „faulen Arbeitslosen“.

Dabei handelt es sich nicht einfach um die bloße Übernahme herrschender meritokratischer Ideologie. Es ist auch ein Versuch, das eigene Ansehen zu schützen und Respekt nicht zu verlieren. Wer gesellschaftlich als faul oder unwillig angesehen und stigmatisiert wird, kämpft um Anerkennung mit dem Verweis auf Leistung, Anstrengung und Eigenverantwortung.

Scheitern und Marginalisierung als Selbstdefinition

Gleichzeitig zeigt sich darin aber ein gesellschaftlicher Zynismus: Denn trotz ihres Bemühens erscheinen die Gesprächspartner:innen in erster Linie durch ihr Scheitern bestimmt. Marginalisierungserfahrungen werden zum Teil ihrer Subjektivität. Damit entsprechen die Befragten allerdings genau jenen Zuschreibungen, denen sie zu entfliehen versuchen. Da auch die Befragten ihre marginalisierte Position als selbstverschuldet ansehen und sie mit der eigenen „Tugendschwäche“ begründen, identifizieren sie sich mit der bestehenden Herrschaftsordnung und legitimeren sie dadurch, obwohl sie darunter leiden.

Politisches Vertrauen schwindet mit dem Gefühl, in der Politik keine Rolle zu spielen

Diese Verinnerlichung erklärt auch das vorherrschende Gefühl politischer Ohnmacht und Resignation. Viele Befragte äußern Skepsis gegenüber Parteien, Institutionen und parlamentarischer Politik. Nicht selten erscheint Politik als abgehobene Sphäre, in der die ‚ Eliten‘ ohnehin machen würden, was sie wollen. Die verschwindend niedrige Wahlbeteiligung armer Menschen ist deshalb nicht nur Ausdruck von Desinteresse, sondern auch ein Hinweis auf eine Repräsentationskrise: Wer kaum glaubt, dass seine Lebenslage überhaupt in politischen Entscheidungen eine Rolle spielt, fühlt sich nicht vertreten, wie Christoph Butterwegge (2020: S. 378) schreibt.

Konkrete Selbsthilfe als politisches Handeln sichtbar machen

Gleichzeitig wäre es falsch, von diesen Beobachtungen darauf zu schließen, dass sozial marginalisierte Menschen vollständig politisch inaktiv sind. Politisches Handeln zeigt sich bei ihnen stattdessen häufig in Formen, die in einem engen Politikbegriff kaum vorkommen: Partei-, Gewerkschafts- oder Verbandsmitgliedschaften finden sich kaum. Was es jedoch gibt, sind gegenseitige Beratungen, konkrete Hilfe bei der Schlafplatzsuche oder bei Behördengängen, Gespräche mit Abgeordneten, Aufklärungsarbeit, Protestmobilisierungen oder auch Unterstützung in kirchlichen und sozialen Zusammenhängen. Solche Praktiken sind oft unsichtbar, da sie meist nicht an offizielle Mitgliedschafen gebunden sind, aber sie schaffen Kollektivität, Selbsthilfe und mitunter auch eine Gegenmacht von unten. Politik findet hier im Alltag statt, in Beziehungen und in der gemeinsamen Bewältigung von Not.

Genau darin liegt die sozialpolitische Perspektive: Marginalisierte Menschen sind nicht einfach passiv oder politisch ungebildet Sie verfügen über ein sehr klares Gespür für soziale Ungleichheit, Respektverlust und ungerechte Behandlung. Was oft fehlt, sind nicht Einsichten, sondern kollektive Orte, an denen aus diesen Erfahrungen gemeinsame Handlungsfähigkeit werden kann. Deshalb ist es zu kurz gegriffen, Armutspolitik nur über Aktivierung, Kontrolle und Sanktionen zu denken. Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt ernst nimmt, muss die konkrete Lebenslage der Betroffenen anerkennen und die sozialen Bedingungen verbessern, unter denen Teilhabe möglich wird.

Dazu gehört ein weiter Politikbegriff, der auch informelle Solidarität und alltägliche Gegenwehr als politische Praxis versteht, wie schon James C. Scott es in „Domination and the Arts of Resistance“ (1990: S. 198) deutlich macht. Daraus können auch Alternativen zum Leistungsprinzip erwachsen, die neue Lebens- und Wissensformen hervorbringen. Für die Marginalisierten könnte sich so die Möglichkeit eröffnen, „ihr Leiden auf gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen und sich solcherart vom Gefühl eigenen Verschuldens zu befreien“, wie die Forschungsgruppe um Pierre Bourdieu in „Das Elend der Welt“ (1997) es formulierte.

 

Literatur

Bourdieu, P. (1976): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt/M.

Bourdieu, P. et al. (1997): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz.

Butterwegge, Christoph (2020): Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland. Weinheim.

Hirseland, A. (2016): Gefühlte Mitte – prekäre soziale Selbstverortung von Grundsicherungsbeziehenden. WSI-Mitteilungen 5(16), 365–372.

Marquardsen, K. (2012): Aktivierung und soziale Netzwerke. Die Dynamik sozialer Beziehungen unter dem Druck der Erwerbslosigkeit, Wiesbaden.

Scott, J. (1990): Domination and the Arts of Resistance. New Haven.

Weismann, M. (2016): Dazugehören. Handlungsstrategien von Arbeitslosen. Konstanz.

Wimmer, C. (2023): Die Marginalisierten. (Über-)Leben zwischen Mangel und Notwendigkeit. Weinheim.

Wimmer, C. (2025): Leben ganz unten. Perspektiven vom Rand der Gesellschaft. Köln.


Christopher Wimmer 2026, Sozial marginalisiert: Überall und unsichtbar, in: sozialpolitikblog, 17.06.2026, https://difis.org/blog/sozial-marginalisiert-ueberall-und-unsichtbar-205

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