Sozialer Zusammenhalt: Wer ist dafür zuständig?
Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern rücken sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Doch was sozialer Zusammenhalt konkret heißt, entscheidet sich oft vor Ort in den Kommunen. Eine neue DIFIS-Studie hat untersucht, wie Sozialdezernent*innen die Situation einschätzen und zeigt ein wichtiges Gestaltungsvakuum auf.
Interview: Johanna Ritter
Sie haben sozialen Zusammenhalt in Ostdeutschland erforscht. Was genau haben Sie untersucht – und hilft uns Ihre Perspektive dabei, die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zu verstehen?
Theresa Hilse-Carstensen: Wir haben untersucht, wie Sozialdezernent*innen aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen den Zustand, die Entwicklung und die Gestaltungsmöglichkeiten des sozialen Zusammenhalts wahrnehmen. Uns hat außerdem interessiert, ob sich dabei ostdeutsche Besonderheiten im Verständnis von sozialem Zusammenhalt zeigen. Unsere Studie liefert keine unmittelbare Erklärung für aktuelle Wahlergebnisse. Sie gibt aber empirische Einblicke in Einstellungen, Begründungsmuster und Deutungen von Menschen, die die Situation vor Ort sehr genau kennen. Gerade diese Perspektive ist interessant, weil sich die Einschätzungen der Sozialdezernent*innen teilweise deutlich von öffentlichen Wahrnehmungen und medialen Zuspitzungen unterscheiden. Sie zeigen also, wie sozialer Zusammenhalt jenseits der politischen Debatte vor Ort wahrgenommen wird.
Wenn Sie Ihre Ergebnisse mit der medialen und politischen Debatte über Zusammenhalt in Ostdeutschland abgleichen: Was trifft diese Debatte, und wo greift sie zu kurz?
Jörg Fischer: Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass sozialer Zusammenhalt in Ostdeutschland stark rückwärtsgewandt beschrieben wird. Es wird beispielsweise mit Begriffen wie „Not- und Tauschgemeinschaft“ erklärt, wie Zusammenhalt in Ostdeutschland früher funktioniert hat. Das mag einen Teil der Geschichte beschreiben, hilft aber nur begrenzt bei der Frage, wie Zusammenhalt heute und in Zukunft gestaltet werden kann.
Theresa Hilse-Carstensen: In der Reflexion unserer Erkenntnisse wird deutlich, dass positive Beispiele und neue Erzählungen fehlen, mit denen sich Menschen im Hier und Jetzt identifizieren können. Auch kollektive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und gemeinsamer Krisenbewältigung – etwa im Zusammenhang mit der Wendezeit oder späteren Krisen – könnten stärker berücksichtigt werden. Sie zeigen, dass Menschen durchaus Erfahrungen damit haben, gemeinsam etwas bewirken zu können.
Sie beschreiben eine interessante Spannung: Die kommunalen Führungskräfte halten sozialen Zusammenhalt für gestaltbar, sehen sich selbst aber eher als Rahmensetzende oder als diejenigen, die eingreifen, wenn Probleme bereits entstanden sind. Sie sprechen auch von einem Gestaltungsvakuum. Was bedeutet das?
Jörg Fischer: Die kommunalen Sozialdezernent*innen sehen sich durchaus in der Verantwortung, sozialen Zusammenhalt zu fördern. Gleichzeitig sind sie ambivalent, was ihre eigene Rolle betrifft. Sie bewegen sich zwischen dem Anspruch, aktiv zu gestalten, und einem eher indirekten Verständnis ihrer Einflussmöglichkeiten. Darin zeigt sich auch der Spagat zwischen Verwaltungs- und Gestaltungsverständnis.
Das Gestaltungsvakuum beschreibt deshalb weniger ein Nichtstun als eine Lücke zwischen dem Wissen, dass Zusammenhalt wichtig und gestaltbar ist, und der Frage, wie dieses Gestaltungspotenzial konkret genutzt werden kann.
Welche Rolle spielen politische Parteien dabei, Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft aufzugreifen?
Jörg Fischer: Die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt, wie stark politische Kommunikation mit solchen Bedürfnissen arbeiten kann. Es wurde mit Bildern, Symbolen und einer Sprache gearbeitet, die Zugehörigkeit erzeugt und zugleich vermittelt: Wir verstehen, wie die Menschen sich fühlen. Das ist politisch relevant, weil Zugehörigkeit nicht nur über konkrete Programme, sondern auch über solche Formen der Ansprache hergestellt wird.
Was müsste sich in der kommunalen Sozialpolitik verändern, damit Zusammenhalt nicht nur ein politisches Schlagwort bleibt, sondern tatsächlich gestaltet werden kann?
Theresa Hilse-Carstensen: Zunächst braucht es die Erkenntnis, dass sozialer Zusammenhalt kommunal gestaltet werden kann und ein wichtiger Zugang zu den Menschen vor Ort ist. Dafür muss der Begriff aber konkreter werden. Solange er ein abstraktes Schlagwort ohne Anknüpfungspunkte zu den Bedingungen vor Ort bleibt, können sich weder die Verwaltung noch die Menschen vor Ort ausreichend damit identifizieren.
Jörg Fischer: Deshalb sollte gemeinsam mit den Menschen vor Ort geklärt werden, was sozialer Zusammenhalt in einem konkreten Gemeinwesen bedeutet und wie er gelebt werden kann. Diese Auseinandersetzung sollte partizipativ und strategisch angelegt sein und in konkrete kommunale Ziele münden. Wie diese aussehen, kann von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich . Wichtig ist, das jeweilige Gestaltungspotenzial zu erkennen und zu nutzen.
Theresa Hilse-Carstensen: Unsere Studie zeigt zudem, dass die Zugänge, die das Thema eröffnet, vermehrt außerhalb der Verwaltung liegen: Sozialdezernent*innen berichten, dass sozialer Zusammenhalt ihnen vor allem Zugänge zu freien Trägern und zu den Menschen vor Ort erschließt. Eine ressortübergreifende Vernetzung innerhalb der Verwaltung gelingt auf dieser Grundlage jedoch kaum, obwohl das Thema als übergreifendes Planungsfeld verstanden wird, das Regionalplanung, Sozialplanung und weitere Bereiche betrifft. Die Ergebnisse sensibilisieren dafür, dass kommunale Verwaltungen aktiver werden müssen – sowohl strategisch nach innen, um das Vernetzungspotenzial des Themas zu nutzen, als auch gestaltend nach außen, um sozialen Zusammenhalt als Thema aufzugreifen, zu unterstützen und damit Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.
Der DIFIS-Impuls und die DIFIS-Studie von Theresa Hilse-Carstensen und Jörg Fischer erscheinen in Kürze.
Theresa Hilse-Carstensen und Jörg Fischer 2026, Sozialer Zusammenhalt: Wer ist dafür zuständig?, in: sozialpolitikblog, 14.09.2026, https://difis.org/blog/sozialer-zusammenhalt-wer-ist-dafuer-zustaendig-216 Zurück zur Übersicht

Prof. Dr. Theresa Hilse-Carstensen ist Professorin für Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Profession und Organisation an der Alice Salomon Hochschule Berlin und stellv. Leiterin des Instituts für Kommunale Planung und Entwicklung e.V. – An-Institut der FH Erfurt. Seit 2024 ist Theresa Hilse-Carstensen außerdem Co-Sprecherin des DIFIS-Issue-Networks Sozialer Zusammenhalt in Ostdeutschland.

Prof. Dr. Jörg Fischer ist Professor für Bildungs- und Erziehungskonzepte an der Fachhochschule Erfurt und Leiter des Instituts für Kommunale Planung und Entwicklung e.V. – An-Institut der FH Erfurt. Seit 2024 ist Jörg Fischer außerdem Co-Sprecherin des DIFIS-Issue-Networks Sozialer Zusammenhalt in Ostdeutschland.
















