sozialpolitikblog
Julia Bringmann, 28.07.2022

„Atmende Lebensläufe“ – mehr Zeit zum richtigen Zeitpunkt

Weg von der männlich konnotierten Norm des dreigeteilten Lebenslaufs ohne Erwerbsunterbrechungen hin zu einer selbstbestimmten und sozialverträglichen Gestaltung des Berufslebens: es gibt gute Gründe für einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik. Was würde es brauchen, zeitlich und finanziell, um das für alle Bürger*innen möglich zu machen?

 

Aktuell führen Unterbrechungen und Verkürzungen der Arbeitszeit im Regelfall zu Einbußen bei Lohn, Karriere und sozialer Sicherung. Dies, obgleich Erwerbstätige, und vor allem Frauen, diese Zeiträume für Kinderbetreuung, Pflege, Ehrenamt oder Selbstsorge nutzen – allesamt gesellschaftlich relevante Tätigkeiten. In der Folge kann für Kinder, Alte und Kranke und auch für sich selbst nicht mehr ausreichend gesorgt werden. Eklatant ist die ‚Care-Krise‘ und damit ein enormer gesellschaftlicher Bedarf nach finanziell abgesicherter Zeit für Sorge (Jurczyk 2015).

Gewerkschaften haben  diesen Bedarf erkannt und ihn teilweise in Tarifverträgen aufgefangen: Beschäftigte der Metallwirtschaft mit Kindern, Pflegeaufgaben oder in Schichtarbeit dürfen etwa zwischen tariflichem Zusatzgeld und bis zu acht freien Tage wählen (IG Metall 2020).

Das Optionszeiten-Modell möchte diese positiven Erfahrungen für alle zur Verfügung stellen: Das neue sozialpolitische Gesamtmodell sieht ein rechtlich und monetär abgesichertes Zeitbudget von neun Jahren vor, welches zweckgebunden für Kinderbetreuung, Pflege, Ehrenamt, Weiterbildung und Selbstsorge genutzt werden kann. Das Modell der „atmenden Lebensläufe“ soll für alle Phasen der abhängigen Beschäftigung, Selbstständigkeit und Erwerbslosigkeit gelten. Es etabliert Zeit für Sorgen und Lernen als neue Norm und Normalität im Erwerbsverlauf – das ist der Paradigmenwechsel.


Quelle: Jurczyk/Mückenberger (Hrsg.) 2020 / © Deutsches Jugendinstitut e.V). 

Im Optionszeiten-Modell erlangen Erwerbstätige einen Rechtsanspruch auf Freistellung und Entgeltersatz; auch Menschen, die selbstständig tätig, nicht erwerbstätig sind oder ein geringes Einkommen erhalten, werden durch ein sog. „Grundeinkommen während der zweckgebundenen Erwerbsunterbrechung abgesichert. Das Optionszeiten-Modell überführt die derzeitige Vielfalt an Maßnahmen wie Elterngeld (Plus), Brückenteilzeit, Familienpflegezeit, Bildungsurlaub usw. in ein Modell aus einem Guss und fördert so die tatsächliche und transparente Inanspruchnahme von sozialpolitischen Maßnahmen. Dazu trägt auch die Einrichtung eines digitalen und datenschutzkonformen persönlichen Aktivitätskontos bei. Die Finanzierung der (Aus-)Zeiten richtet sich danach, welchem Zweck die Tätigkeit dient und wem sie in erster Linie zugutekommt (Bringmann 2022, S. 4-6).


Das Optionszeiten-Modell hat bereits Konturen, doch wird es mit Vertreter*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft weiter geschärft. Kontrovers diskutierte Fragen stehen im Raum (Bringmann 2022), etwa: Trägt das Optionszeiten-Modell wirksam zu mehr Geschlechtergleichheit bei?

Kontroverse: Setzt das Optionszeiten-Modell Anreize für mehr Geschlechter(un)gleichheit?

Immerhin versteht sich das Modell als feministisches sozialpolitisches Gesamtmodell. Aber (wie) wird es seinen Anspruch einlösen können?

Dabei lassen sich zwei Positionen erkennen:

  1. Das Optionszeiten-Modell setzt auf die Macht des kulturellen Wandels, also eine Form indirekter Steuerung. Neue sozialpolitische Normen können starke individuelle Anreize schaffen, zu denen die die finanzielle und symbolische Aufwertung von Care-Arbeit gehört. Die bessere Finanzierung von Zeiten für nicht professionelle Care-Arbeit wie Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt dient der finanziellen Aufwertung. Die Zweckgebundenheit der Ziehungsrechte dient der symbolischen Aufwertung. Die kombinierte Carer-Erwerbstätigen-Rolle soll zu einer neuen kulturellen Normalität werden, zu der Sozialpolitik Menschen nicht zwingen, sondern durch Schaffung von Anreizen und Beseitigung von Fehlanreizen befähigen und ermutigen kann. Dies und die Zweckpluralität des Modells sollen insbesondere Männer ermutigen, Care-Zeiten zu nehmen.
  2. Die zweite Position zweifelt, ob einem durch sozialpolitische Maßnahmen angestoßenen kulturellen Wandel zu vertrauen ist. Sie fürchtet, dass im Zuge des Optionszeiten-Modells viele Mütter länger allein die Kinderbetreuung übernehmen als bisher: Paaren könnte durch ein verhältnismäßig langes, individuelles Care-Budget von sechs Jahren ermöglicht werden, ihre vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, wie sie im Zuge der Geburt des ersten Kindes oft etabliert wird, zu verlängern. Familienpolitische Maßnahmen werden als erfolgsversprechend angesehen, die sich mit dem „Use it or Loose it“-Prinzip faktisch an Väter richten (etwa zusätzliche Partnermonate). Aus dieser Perspektive heraus ist es notwendig, über eine stufenweise Einführung des Care-Budgets nachzudenken.


In regelmäßigen Treffen des sog. „Optionszeiten-Labors“ nehmen Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft solche Fragen derzeit unter die Lupe und diskutieren sie weiter. Sie haben dabei die sozialpolitische Umsetzbarkeit des Modells zum Ziel.

Ein aktuell zentrales Thema ist die „Regulierung des betrieblichen Umgangs mit Freistellungen“: Hierzu zählen Fragen danach, wie Optionszeiten in prekären Lebenslagen und in nicht-abhängigen Erwerbsverhältnissen genutzt, wie Optionszeiten angesichts der Unvorhersehbarkeit des Lebenslaufes individuell geplant werden können, wie die Freistellung auf kleine Unternehmen zugeschnitten werden kann und wie Zeitkonflikte zwischen Beschäftigten und Unternehmen reguliert werden können. Mit Blick auf soziale Ungleichheit sind dies extrem relevante Fragen danach, von wem die neuen Rechte faktisch genutzt werden und wie die Nutzung für alle ermöglicht und gestärkt werden kann. Noch offen ist auch, was als Ehrenamt anerkannt wird und wie das Optionszeiten-Modell finanziert und wie es politisch durchgesetzt werden kann.  

 

 

 

 


Julia Bringmann 2022, „Atmende Lebensläufe“ – mehr Zeit zum richtigen Zeitpunkt, in: sozialpolitikblog, 28.07.2022, https://difis.org/blog/?blog=18

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