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Nachruf auf Prof. Dr. Richard Hauser
Das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) trauert um Prof. Dr. Richard Hauser, der am 4. April 2026 im Alter von 89 Jahren verstorben ist.
Mit Richard Hauser verliert die Sozialpolitikforschung in Deutschland und Europa eine ihrer prägenden Persönlichkeiten. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hat er die empirische Analyse von Ungleichheit, Armut und sozialer Sicherung grundlegend mitgestaltet und dabei Maßstäbe für eine interdisziplinär ausgerichtete, politisch relevante Forschung gesetzt. Auch mit Reformvorschlägen hat sich Richard Hauser zu Wort gemeldet, die in politischen Debatten aufgegriffen wurden.
Als Volkswirt und Professor für Sozialpolitik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main war Richard Hauser eng mit dem Sonderforschungsbereich 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“ (SFB 3) verbunden. In diesem wegweisenden Forschungsverbund hat er die Verbindung von Ökonomie, Soziologie und weiteren Disziplinen entscheidend vorangetrieben. Insbesondere die Nutzung und Weiterentwicklung von Mikrodatenanalysen zur Untersuchung von Verteilungs- und Lebenslagenfragen gehört zu seinen bleibenden Verdiensten. Der Sfb 3 wurde unter seiner Mitwirkung zu einem zentralen Ort empirischer Sozialstaatsforschung, aus dem zahlreiche prägende Arbeiten und wissenschaftliche Karrieren hervorgingen. In diesem Rahmen trug er auch maßgeblich dazu bei, den Bedarf an längsschnittlichen Mikrodaten zu formulieren und entsprechende Erhebungskonzepte zu entwickeln. So war Richard Hauser eng mit jenem wissenschaftlichen Umfeld verbunden, aus dem das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) hervorging.
Im Zentrum seines wissenschaftlichen Werkes standen die Analyse nicht nur der Einkommens-, sondern auch der Vermögensverteilung, die Erforschung von Armut, die Weiterentwicklung von Indikatoren sowie die Untersuchung der Systeme sozialer Sicherung. Dabei hat Richard Hauser nachhaltig dazu beigetragen, die empirische Ungleichheitsforschung in Deutschland auf eine solide methodische Grundlage zu stellen. Er war ein Pionier der Armutsberichterstattung in Deutschland und darüber hinaus auch auf europäischer Ebene. Bereits seit den frühen 1980er Jahren beschäftigte er sich mit Armut in der Europäischen Gemeinschaft und trug zur Entwicklung vergleichbarer Messkonzepte bei. Im Rahmen internationaler Forschungszusammenhänge und europäischer Netzwerke setzte er sich für eine systematische, länderübergreifende Analyse sozialer Ungleichheit ein. Seine Mitwirkung in europäischen Forschungsnetzwerken trug wesentlich zur Internationalisierung der Sozialpolitikforschung bei.
Neben der Armutsforschung und Verteilungsanalysen lag ein weiterer zentraler Schwerpunkt seines Werkes auf der Alterssicherung. Richard Hauser analysierte die Verteilungswirkungen der gesetzlichen Rentenversicherung ebenso wie die Wechselwirkungen zwischen gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge. Früh wies er auf die Risiken wachsender Altersarmut infolge diskontinuierlicher Erwerbsbiografien und veränderter Arbeitsmärkte hin. Auch hier hatte er stets einen europäisch ausgerichteten Blick. Im Rahmen des ASEG-Projekts (Alterssicherung in der Europäischen Gemeinschaft) koordinierte er vergleichende Analysen von Rentensystemen in mehreren europäischen Ländern, aus denen zahlreiche Dissertationen hervorgingen.
Eng verbunden mit seinen Forschungen über Armut und Verteilungsprobleme im Allgemeinen und Alterssicherung im Besonderen waren seine Analysen zur Sozialhilfe bzw. Grundsicherung. Richard Hauser arbeitete die wichtige Auffangfunktion bedarfsgeprüfter Leistungen heraus und wies zugleich auf strukturelle Schwächen aufgrund von Nichtinanspruchnahme und Stigmatisierung hin. Er trug wesentlich dazu bei, das Problem verdeckter Armut – die „Dunkelziffer der Armut“ – sichtbar zu machen und die Ausgestaltung von Mindestsicherungssystemen kritisch zu reflektieren. Der Befund, dass ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten Sozialleistungen nicht in Anspruch nimmt, hat bis heute zentrale Bedeutung für die Bewertung sozialpolitischer Instrumente.
Von den konkreten Reformkonzepten, die Richard Hauser vor dem Hintergrund seiner Forschungstätigkeiten mitentwickelte, sind zwei Vorschläge besonders hervorzuheben. Sie betreffen zum einen das Problem der Altersarmut und zum anderen Kinder- bzw. Familienarmut. Mit dem „30-30-Modell“ der Alterssicherung wurde die Einführung einer Mindestrente empfohlen, mit dem Konzept einer Kindergrundsicherung legte er bereits 2009 ein Modell zur Bündelung und Neuordnung familienpolitischer Leistungen vor. Letzteres war als transparente, armutsfeste und kindzentrierte Leistung konzipiert, die unabhängig von der Erwerbssituation der Eltern soziale Ungleichheiten frühzeitig reduzieren könnte. Seine Überlegungen zielten darauf ab, bestehende fragmentierte Leistungen – wie Kindergeld, steuerliche Freibeträge und bedarfsgeprüfte Leistungen – systematisch zusammenzuführen und stärker an den Bedarfen von Kindern auszurichten. Diese konzeptionellen Entwicklungen sind bis heute politisch relevant und werden von vielen sozialpolitischen Akteuren aufgegriffen. .
Mit seinem Engagement in der wissenschaftlichen Politikberatung konnte Richard Hauser seine Expertise in zentrale Reformprozesse der deutschen Sozialpolitik einbringen, insbesondere in die Debatten um die Weiterentwicklung der Alterssicherung. Darüber hinaus war er federführend für mehrere grundlegende Gutachten der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung verantwortlich und trug entscheidend dazu bei, deren empirische Fundierung und konzeptionelle Ausrichtung zu verbessern. Seine Gutachten und Stellungnahmen zeichneten sich durch analytische Präzision, Unabhängigkeit und einen klaren sozialpolitischen Gestaltungsanspruch aus.
Sein gesamtes Wirken war geprägt von einem tiefen Verständnis für die Bedeutung interdisziplinärer und transdisziplinärer Zusammenarbeit. Für Richard Hauser war klar, dass Fragen von Armut, Ungleichheit und sozialer Sicherung nur im Zusammenspiel ökonomischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Perspektiven angemessen analysiert werden können. Diese Überzeugung hat er nicht nur im SFB 3, sondern in zahlreichen Forschungsprojekten und institutionellen Zusammenhängen gelebt und gefördert.
Last but not least hat Richard Hauser als akademischer Lehrer Generationen von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen geprägt. Viele von ihnen führen seine Forschungsperspektiven und seinen Anspruch an eine gesellschaftlich relevante Wissenschaft bis heute fort.
Die interdisziplinäre Sozialpolitikforschung verliert mit Richard Hauser einen bedeutenden Impulsgeber, einen engagierten Wissenschaftler und einen geschätzten Kollegen. Sein Werk bleibt ein unverzichtbarer Bezugspunkt für die Analyse von Ungleichheit, Armut und sozialer Sicherungssysteme in Deutschland und Europa.
Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.
Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
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