sozialpolitikblog
Frank Nullmeier, 25.08.2022

„Verzivilgesellschaftung“ der sozialen Frage?

Rezension zu "Community-Kapitalismus" von Silke van Dyk und Tine Haubner

Der neoliberale Kapitalismus tritt in ein neues Stadium. Gemeinschaft wird propagiert und zur Stabilisierung der Verhältnisse insbesondere in den sozialen Dienstleistungssektoren benutzt – so die zentrale These dieses Buches. Der neue „Community-Kapitalismus“ ist die „Verknüpfung von Posterwerbs- und Gemeinschaftspolitik“ (122). Posterwerbsarbeit bezeichnet nicht regulär entlohnte Arbeit, stellt eine Informalisierung der Erwerbsarbeit dar. Das zeigt sich in der Bedeutungszunahme des freiwilligen Engagements in Initiativen, Projekten, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen, insbesondere im Bereich der Sorgetätigkeiten. Dies dient aber vor allem der Deckung staatlicher Versorgungslücken. Öffentliche Verlautbarungen und Programme zur Förderung des freiwilligen Engagements finden sich seit den 1990er Jahren, „Hilfe“, „Freizeit“, „Gemeinschaft“ und „Engagement“ heißen die Schlüsselbegriffe. Es geht dabei nicht mehr vorrangig um die Mobilisierung traditionaler Gemeinschaften, die in Verwandtschaft, Kirche oder ethnischer Zugehörigkeit wurzeln, es geht um posttraditionale Gemeinschaften, die auf Freiwilligkeit und gemeinsamem Interesse an einer bestimmten Aufgabe beruhen. Frei eingegangene „Commitments“ halten sie zusammen. Diese Rolle der Zivilgesellschaft wird oft übersehen, die Diagnose einer „grenzenlosen Ökonomisierung des Sozialen“ (107) ist daher falsch. Vielmehr komme es zu einer „Verzivilgesellschaftung der sozialen Frage“ (112).


Dagegen verteidigen die Autorinnen ein staatliches System sozialer Rechte und professioneller Care-Erwerbsarbeit. Sie halten es für einen „bemerkenswerten Fehlschluss vieler links-alternativer Ansätze und Bewegungen, dass sie die freiheitsverbürgende und autonomiestiftende Funktion sozialer Institutionen und sozialer Rechte konstitutiv geringschätzen und die emanzipatorische Kraft oft ausschließlich und pauschal in Gegenbewegungen ‚von unten‘ verorten.“ (154/155). Publizistische Beiträge aus dem linken Spektrum, die zu einer Hinnahme der Instrumentalisierung freiwilliger Tätigkeit neigen oder gar aktiv eine community-orientierte Weiterentwicklung kapitalistischer Strukturen empfehlen, stehen besonders in der Kritik. Der zivilgesellschaftliche Sektor biete gerade keinen Vorschein einer besseren Arbeitswelt. Das reale „Begehren nach Verbundenheit und Solidarität“ (128) wird gewürdigt, ebenso das Selbstverständnis der Engagierten, jederzeit die Tätigkeit abbrechen oder ruhen lassen zu können, also der Instrumentalisierung und Ausbeutung nicht hilflos ausgesetzt zu sein oder gar zu etwas gezwungen zu werden. „Spaß, Sinnstiftung und Anerkennung“ (131), auch Qualifizierungsmöglichkeiten oder das Verantwortungsempfinden gegenüber Unterstützungsbedürftigen wiegen für viele Menschen andere Effekte ehrenamtlicher Tätigkeit auf. Entsprechend betonen die Autorinnen, die Engagierten nicht kritisieren oder ihnen „falsches Bewusstsein“ unterstellen zu wollen (133). Aber es zeichne sich ein „Spannungsfeld“ zwischen den konkreten Erfahrungen und Selbstwahrnehmungen der Engagierten und den „makrosozialen, sozio-ökonomischen, arbeitsmarkt- und wohlfahrtsbezogenen Implikationen“ ihrer Tätigkeit ab (133/134).


Empirische Grundlage der Untersuchung des Community-Kapitalismus sind umfassende Literaturauswertungen und die Ergebnisse eines eigenen Forschungsprojektes zum Thema „Schattenökonomie oder neue Kultur des Helfens? Engagement und Freiwilligenarbeit im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaates“, das von der Hans-Böckler-Stiftung von 2017 bis 2020 gefördert wurde. Dokumentenanalysen, problemzentrierte Interviews mit 46 Engagierten und leitfadengestützte Experteninterviews mit 80 Expert*innen aus jeweils zwei Mittelstädten und Landkreisen in Baden-Württemberg und Brandenburg stellen das Material bereit, aus dem diese Arbeit schöpft (12/13). Für einige Passagen wird zudem auf ein im November 2020 begonnenes DFG-Projekt von Stefanie Graefe und Silke van Dijk unter dem Titel „Freiwilligkeit als Ressource im Gegenwartskapitalismus“ zurückgegriffen.

Schattenseiten ehrenamtlicher Tätigkeiten

In diesen Projekten konnten die problematischen Seiten von Freiwilligentätigkeit im Bereich sozialer Dienstleistungen identifiziert werden. Wenn informelle Arbeit in die Aufgabenerfüllung staatlichen Handelns oder der öffentlichen oder privaten Agenten sozialpolitischer Aufgabenerfüllung eingehen, so stellt sich als Kehrseite das Fehlen einer Entlohnung und der Einbeziehung in ein reguliertes Arbeitsmarktregime heraus. Statt eines kapitalistisch und staatlich instrumentalisierten Engagements mit Aufwandsentschädigung und ohne hinreichende Qualifizierung sollte lieber eine Verberuflichung und Überführung in versicherungspflichtig abgesicherte Erwerbstätigkeit erfolgen. So stehen auch in der Empirie Kritiken im Vordergrund: die Kritik an der Instrumentalisierung von Mehrgenerationen­häusern zur Frühförderung von Flüchtlingskindern (50), am verstärkten Einsatz von organisierter Nachbarschaftshilfe (76), an dem weitgehenden Verzicht auf professionelle Arbeit im Feld der Flüchtlingshilfe (52) und vor allem an den Zuständen in der Altenpflege (Kapitel 5). Mangelnde Entlohnung oder das Ausweichen in Aufwandsentschädigungen prägt auch das Arbeiten über digitale Plattformen, wie z.B. in der Nachbarschaftsplattform nebenan.de (85). Die „Rückkehr informeller, rechtlich ungeschützter Arbeitsverhältnisse“ (4) und das Unterschreiten professioneller Standards belegt den Aufstieg des neuen Kapitalismustyps.


Was ist dann aber noch ein legitimes freiwilliges Engagement? „Nur in der zusätzlichen Ergänzung zu einer bedarfsgerecht ausgebauten professionellen Versorgungsstruktur können freiwillige Laientätigkeiten ihre Potenziale und ihren vielgelobten Eigensinn auch entfalten.“ (97) Das gelte auch, weil Freiwilligkeit strukturell labil und unzuverlässig sei (98). Der Raum legitimer Freiwilligentätigkeit wird damit recht eng.

Community-Kapitalismus – Der richtige Begriff?


All diese empirischen Beobachtungen und Bewertungen werden im Begriff des Community-Kapitalismus zusammengeführt. Aber muss gleich ein neuer Kapitalismus-Typ ausgerufen werden, wenn sich im sozialstaatlichen Steuerungsgefüge Verschiebungen ergeben? Es bleiben den Leser*innen eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Die erste besteht darin, im Terminus „Community-Kapitalismus“ ein aufmerksamkeitsförderndes Label zu sehen und es auch nur als solches ernst zu nehmen. Die zweite Sichtweise dürfte darin bestehen, den Begriff als ernstgemeinte sozialwissenschaftliche Zeitdiagnose zu verstehen. Dann bliebe aber kaum etwas Anderes übrig, als den Begriff zurückzuweisen, weil sich die aufgezeigte Veränderung nicht auf den Kapitalismus insgesamt bezieht, sondern nur auf sozialpolitische Steuerungsmodelle und z.T. auch auf digitale Geschäftsmodelle. Letzteres ist unter dem Begriff der Plattformökonomie oder des Plattform-Kapitalismus sicher treffender abgebildet. Bezeichnung und Befunde, die sich nur auf einen Sektor kapitalistischer Wirtschaftstätigkeit beziehen, befinden sich schlicht nicht auf derselben Ebene.


Woher aber das Verlangen nach der Bündelung der Ergebnisse in einem neuen Kapitalismustyp? Das Konstrukt „Community-Kapitalismus“ – die Herkunft des Terminus kann auf einen Report an Präsident Clinton zurückverfolgt werden (11) – zielt vor allem auf eine Kritik des Verlustes an Staatlichkeit als Bürge sozialer Rechte und regulierter professioneller Erwerbstätigkeit. Der Community-Kapitalismus bezeichnet so auch nur eine weitere Windung des Neoliberalismus, „einen – gleichwohl substanziell – modifizierten Neoliberalismus“ (126). Dieser neoliberale Kapitalismus nimmt vom Egozentrismus Abstand und wendet sich der Gemeinschaft als neuer Ressource zu, um Aufgaben zu erfüllen, die der zusammengesparte Sozialstaat ansonsten nicht mehr übernehmen kann.


Das führt schließlich zu Formulierungen wie: „Damit gelingt es dem Kapitalismus wieder einmal, sich über seine Kriseneffekte erfolgreich zu reorganisieren.“ (152) Hier sucht der Kapitalismus die noch verfügbaren Ressourcen außerhalb seiner selbst, um die Krise seiner aktuellen neoliberalen Verfasstheit zu überwinden. Nur wie gelingt ihm das, wenn es kein Zentralkomitee des kapitalistischen Systems gibt? Alles nur nicht-intendierte Effekte des Handelns gutgläubiger Engagierter, die sich vom Traum eines solidarischen Alltags leiten lassen? Erscheinen sie da nicht doch als Verführte, deren Gutmütigkeit durch Systemmechanismen und Ideologiebildung ausgenutzt wird, also doch als Menschen mit falschem Bewusstsein? Dann wäre es eine Aufgabe zu erklären, wieso dies immer wieder geschieht, oder genauer, dass es viele Menschen, nicht nur die bürgerschaftlich Engagierten, mit ihrem persönlichen Einsatz sind, die das stabilisieren, was sie – ‚eigentlich‘ – bekämpfen müssten. Ein bisschen weniger Kapitalismusmetaphysik wäre doch auch denkbar gewesen, aber wäre das Buch dann breit rezipiert worden?


Eine Langfassung dieser Rezension ist unter dem Titel „Ein neuer Kapitalismustyp oder neue Steuerungsformen im Sozialstaat? Silke van Dyk und Tine Haubner analysieren die Verzivilgesellschaftung der Sozialpolitik“ in „Ethik und Gesellschaft“ 1/2022 erschienen.


Frank Nullmeier 2022, „Verzivilgesellschaftung“ der sozialen Frage?, in: sozialpolitikblog, 25.08.2022, https://difis.org/blog/?blog=21

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