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Martin Rücker, 18.08.2022

Ernährungsarmut, ein unterschätztes Bildungsrisiko für Kinder

Greift Thomas Wasilewski zum Hörer, kommt er freundlich, aber direkt zur Sache. „Ich kann mir nichts mehr zu Essen kaufen“, eröffnet der 59-Jährige dann schon mal das Gespräch mit der Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten. Die Antworten, die er in solchen Telefonen erhält, sind für ihn selten zufriedenstellend.

Seitdem Putins Angriff auf die Ukraine die Energie- und Lebensmittelpreise steigen lässt, werden nicht nur Abgeordnete wieder häufiger mit der Lebenswirklichkeit von Menschen mit niedrigem Einkommen konfrontiert. Der Druck sucht sich ein Ventil – und macht Armut sichtbar: Betroffene, die kürzlich noch vor Scham über ihre Situation am liebsten schwiegen, drängt es dazu, ihre Lage öffentlich zu entblößen. Seit Mai allein auf Twitter mehr als 250.000 Mal unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, ein Bekenntnis, unter dem sich in vielen Städten zudem Ortsgruppen formieren, die Kundgebungen und Protestaktionen organisieren. Oft geht es dabei ums Essen. Um fehlendes Geld für gesundes Essen, genauer gesagt.

Auch für den „Aufstocker“ Thomas Wasilewski, der wegen einer Herzerkrankung seit fast zehn Jahren nicht mehr in seinem Beruf als Kaufmann arbeiten kann, ist dies ein zentrales Thema. „Die Regierung schickt mich zur Tafel“, meint der Mönchengladbacher – hinnehmen möchte er das nicht. Die Büros aller Bundestagsabgeordneten im Sozialausschuss rief er an, 400 Politiker*innen schrieb er, nur gut ein Prozent habe ihm geantwortet. Bundessozialminister Hubertus Heil ließ ihm noch im Mai ausrichten, dass er keine höheren monatlichen Leistungen in Aussicht stellen könne: „Dies ist damit begründet, dass die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen verfassungskonform ausgestaltet sind.“ Um dies prüfen zu lassen, klagt Wasilewski, unterstützt vom Sozialverband VdK, gegen die Höhe der Grundsicherung. Eines seiner Telefonate mit einem Abgeordnetenbüro beendete er mit dem bitteren Satz: „Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie keinen Hunger haben.“

„Verborgener Hunger“

 

Schon seit Jahren, lange vor den explosionsartigen Preissteigerungen, den Protesten und Klagen, mahnten die Soziologin Sabine Pfeiffer und ihr Fachkollege und Tafel-Kritiker Stefan Selke, dass die überwunden geglaubte Ernährungsarmut mitten ins reiche Deutschland zurückgekehrt sei. Der Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski prägte den Begriff vom „verborgenen Hunger“, den man nicht sieht, weil es Betroffenen nicht an Kalorien mangelt, sondern an wichtigen Mikronährstoffen, also Vitaminen und Mineralstoffen. Der Begriff ist wichtig, denn es gilt zu verstehen: Betroffene können satt, gar übergewichtig sein – gesund sind sie nicht.


In die Öffentlichkeit drang das Thema kaum, selbst als 2020 der Wissenschaftliche Beirat des Bundesernährungsministeriums (WBAE) unter Beteiligung Biesalskis deutlich festhielt: Auch hierzulande gibt es „armutsbedingte Mangelernährung und teils auch Hunger“. In ihrem jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht diagnostiziert die Bundesregierung zwar ein „ungünstiges Ernährungsverhalten“ bei Einkommensschwachen, zieht aber nicht in Erwägung, dass dieses maßgeblich auf ein zu knapp bemessenen Budget zurückgehen könnte. Dem WBAE zufolge jedoch reicht der Regelsatz schon lange nicht für eine „gesundheitsfördernde“ Ernährung.


Das Wissen um die dramatischen Folgen armutsbedingter Mangelernährung vor allem für Kinder wird politisch bis heute grotesk unterschätzt. Dabei gibt es hierfür mittlerweile eine äußerst starke Kette aus Indizien und Evidenz: Aus staatlichen Ernährungsstudien ist bekannt, dass Menschen mit geringem Einkommen weniger Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Pilze verzehren als wohlhabendere und häufiger an ernährungsbedingten Krankheiten leiden. Die Daten zeigen, dass Kinder und Jugendliche im Schnitt zu wenig von bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen zu sich nehmen, womit naheliegt, dass die Unterversorgung überproportional oft Kinder in Armut trifft. Wenn es mangelt, dann besonders an jenen Nährstoffen, die für die Entwicklung ihrer Gehirne entscheidend sind – und tatsächlich belegen US-Studien, dass der Hippocampus bei armen Kindern kleiner ist, jener Gehirnteil also, der von entscheidender Bedeutung für Lernfähigkeit und Sprachentwicklung ist.


Nicht erst in der Schulzeit, sondern bereits in den ersten Lebensmonaten entstehen in Deutschland die oft beklagten Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus armen und reichen Familien – in einer Zeit, in der neben der elterlichen Sorgearbeit die Ernährung eine überragende Rolle für die Entwicklung spielt. Und eine Langzeitstudie mit 250.000 Kindern aus Brandenburg stellte fest, dass Kinder aus einkommensschwächeren Familien nicht nur bei der kognitiven Entwicklung gegenüber Gleichaltrigen zurücklagen. Sie waren auch körperlich kleiner. Auch hier gilt die Ernährung als wichtiger Faktor.  


Dass manchen Menschen (einkommensunabhängig) das Wissen um eine gesunde Ernährung fehlt, ist unbestritten. Sozialpolitisch bedeutsam ist die Frage: Scheitert gesunde Ernährung auch am verfügbaren Geld? Wissenschaftlich lautet die klare Antwort: Ja.

Regelsatz reicht nicht für Ernährungsempfehlung


Zahlreiche Studien weisen nach, dass ausgewogene Ernährung teurer ist als viele energiedichte Lebensmittel wie Nudeln, Kartoffeln oder Fertiggerichte, die zwar satt machen, aber kaum Nährstoffe enthalten. Der Regelsatz berücksichtigt derzeit für einen Erwachsenen gut fünf Euro pro Tag für Essen und alkoholfreie Getränke. Als Gießener Ernährungswissenschaftler berechneten, welches Budget eine vollwertige Kost erfordert, kamen sie auf 7,50 Euro am Tag. Sie griffen dabei zwar weder auf Sonderangebote noch auf die günstigsten Discounterpreise zurück, machten ihre Untersuchung andererseits aber schon 2002. Die Preissteigerungen der vergangenen 20 Jahre konnten sie also nicht berücksichtigen. Wie viel Geld eine gesunde Ernährung heute kostet und wie viele Menschen dieses Geld nicht haben, folglich in Ernährungsarmut leben, darüber gibt es keine Statistik. Fest steht jedoch: Wer gängige Ernährungsempfehlungen für eine gesunde Mischkost befolgen möchte, kommt mit dem Regelsatz nicht hin.


Die Unterdeckung dreht eine fatale Armutsspirale an: Fehlt Eltern das Geld für gesundes Essen, droht Kindern eine Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen und eine schlechtere körperliche und geistige Entwicklung. Dies senkt ihre Chancen auf Bildungserfolge und, später, auf gut bezahlte Jobs – was es wahrscheinlicher macht, dass sie auch als Erwachsene in Armut leben werden und ihre Kinder nicht gesund ernähren können. Armut und Mangelernährung bedingen sich gegenseitig.


Dieser Mechanismus hat viel mit einem wesentlichen Konstruktionsfehler der Regelsatzfestlegung zu tun: Der für Essen berücksichtigte Betrag geht auf die „Verbraucherstichprobe“ zurück, die ermittelt, wie viel die 20 Prozent Menschen mit den niedrigsten Einkommen zuletzt tatsächlich für Essen aufwendeten. Was fehlt, ist jegliche qualitative Gegenprüfung, ob dieser Betrag überhaupt für eine gesunde Ernährung reicht.


Aufgrund einer mangelhaften Berechnungsmethodik verfolgt der Staat noch nicht einmal den Anspruch, dass sein „Existenzminimum“ eine gesunde Existenz, der Regelsatz also die finanzielle Grundlage für eine ausgewogene Ernährung garantieren soll.


Ernährungssicherheit ist kein Luxus, sondern Kernbestandteil des Menschenrechts auf Nahrung. Gewährleistet ist sie, wenn sich alle Menschen zu jeder Zeit den Zugang zu ausreichend, den Ernährungsbedürfnissen entsprechenden Lebensmitteln leisten können. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass dies gegenwärtig nicht der Fall ist. Auch der Verpflichtung der UN-Kinderrechtskonvention, jedwede Fehlernährung von Kindern zu bekämpfen, kommt Deutschland gegenwärtig nicht nach. Es ist daher bemerkenswert, dass sich nicht allein schon aus menschenrechtlicher Notwendigkeit heraus die Einsicht durchsetzt, dass die Methodik der Regelsatzermittlung zu ändern ist.

 

 

 


Martin Rücker 2022, Ernährungsarmut, ein unterschätztes Bildungsrisiko für Kinder, in: sozialpolitikblog, 18.08.2022, https://difis.org/blog/?blog=20

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